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Erklärung und Erfahrung

Kolumne: Auf ein Wort – Es gibt die Erlebnisse, die verändern die eigene Sichtweise fundamental. Alles begann bei einer Zugfahrt vor mehr als 40 Jahren.

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Es gibt Szenen im Leben, die vergisst man nicht. Es ist schon über 40 Jahre her. Ich war auf dem Weg zu einer Fortbildung in Hannover und hatte mich entschlossen, mit dem Zug zu fahren, damit meine Frau mit den Kindern das Auto zur Verfügung hatte. Ich saß allein in einem Sechser-Abteil. Wie schön.

In Bremen kam ein Herr in mein Abteil und fragte, ob er sich dazusetzen könne. Natürlich. Ich legte meine Fortbildungsunterlagen zur Seite und es entwickelte sich ein munteres Gespräch. Irgendwie kamen wir auf Ehe und Familie zu sprechen. Ich fragte ihn, ob er verheiratet sei. Er nickte, strahlte, zog seine Geldbörse aus der Hosentasche und zeigte mir ein Foto seiner Frau. „Und Sie?“, fragte er, „sind Sie auch verheiratet?“ Ja, ich hätte leider kein Bild von meiner Frau im Portemonnaie, aber mir fiele es immer schwer, meine Frau und unsere Kinder zu verlassen, und sei es nur für ein paar Tage.

„Das geht mir genauso“, lachte er, „nur Kinder haben wir nicht und wollen wir auch nicht.“ Oha, jemand, der keine Kinder will, für mich schwer vorstellbar. „Wissen Sie, wir haben uns gegen Kinder entschieden, weil wir das Leben genießen wollen.“

„Du kannst die Lebenseinstellung eines Menschen – auch mit den schönsten Argumenten – nicht in einer Stunde umkrempeln.“Jörg Schlüter

Ich schüttelte den Kopf und versuchte, ihm zu erklären, dass man das Leben doch erst genießen kann, wenn man eine Familie ist. Jetzt schüttelte er den Kopf, vehement. „Nein! Meine Frau und ich, wir gehen gerne aus, Theater, Konzert, Kino, Restaurant. Zweimal im Jahr ein richtig toller Urlaub, kann nicht weit genug weg sein. Und die Wochenenden sind wir meistens auch unterwegs. Wir haben unsere Entscheidung getroffen, ein für alle Mal.“

Oh, Mann! Ich bin so gerne Vater, der Kerl muss doch zu überzeugen sein: „Es gibt so unglaubliche Momente mit Kindern. Sie liegen im Bett und hören, wie die Tür vom Kinderzimmer sich öffnet. Dann lauscht man dem Trippeln der kleinen Füße und weiß, gleich wird die Schlafzimmertür aufgehen, dann krabbelt das kleine Menschenkind in mein Bett und schmiegt sich an. Ich könnte bersten vor Glück!“ Wir kamen auf keinen gemeinsamen Nenner.

Weniger erklären, mehr erleben lassen

Für mich war diese Begegnung eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Im Reflektieren des Gesprächs bin ich zu folgenden Überzeugungen gekommen: Du kannst die Lebenseinstellung eines Menschen – auch mit den schönsten Argumenten – nicht in einer Stunde umkrempeln. Außerdem ist es nicht vermessen, meine Sicht der Dinge absolut zu setzen? Und letztlich: Nicht durch Erklärungen wandeln wir uns, sondern durch Erfahrungen.

Und ganz allmählich hat sich meine Art gewandelt, mit Gottes Wort zu arbeiten. Weniger Erklärungen des eigentlich Unsagbaren, wer Gott ist, und mehr Erfahrungen, wie schön und befreiend es ist, mit Gott zu leben. Denn vom Lesen eines Kochbuchs ist noch niemand satt geworden.


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.
  • Sie erreichen den Autor per E-Mail an redaktion@om-medien.de.

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