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#Erkenntnisstillstand

Kolumne: Irgendwas mit # – Die Corona-Impfung ist in Deutschland längst nicht mehr so begehrt wie vor einigen Monaten. Dabei ist das Phänomen der Impfgegnerschaft nicht neu.

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Mensch, wenn erst einmal der Impfstoff da ist, dann wird alles besser. So die Hoffnung im September 2020. Wenige Monate später kam die erlösende Spritze auf den Markt und was ist jetzt, im September 2021? Wir krebsen seit geraumer Zeit bei einer Impfquote von knapp über 60 Prozent herum, obwohl mittlerweile fast jede und jeder sich rein theoretisch pieksen lassen könnte. Mein Eindruck: War das Coronavirus im April 2020 noch das Schreckgespenst mit schaurig rasselnden Ketten, ist es mittlerweile zu König Buu Huu verkommen. 

Laut einer Umfrage des Sozialforschungsinstituts Infas im August sind 10 Prozent der über 18-Jährigen prinzipiell gegen die Impfung. Und die erreichen wir vermutlich weder mit Gratis-Bratwürsten noch mit der fünfhundertachtundzwanzigsten Predigt darüber, wie sinnvoll die Impfung ist. Denn das Phänomen der Impfgegnerschaft ist so alt wie die medizinische Errungenschaft des Impfens selbst.

Die erste flächendeckende Impfung war Anfang des 19. Jahrhunderts die gegen die Pocken. Der englische Arzt Edward Jenner erkannte, dass Personen, die bereits an den vergleichsweise harmlosen Kuhpocken erkrankten, gegen die weitaus gefährlicheren Pocken immun waren. Also impfte er die Kuhpocken auslösenden Vacciniaviren und war damit sehr erfolgreich (Fun fact: Daher stammt übrigens der englische Begriff für Impfung – vaccine.). Das Verfahren war neu, überzeugte nicht jede und jeden. Nun gut.

"Impfgegnerinnen und -gegnern ist mit Vernunft nicht beizukommen."Carina Meyer, Reporterin

Von echten Impfgegnerinnen und -gegnern kann erst viele Jahre später, ab 1874, die Rede sein. Im Deutschen Reich wurde als Konsequenz nach einer schlimmen Pockenepidemie die gesetzliche Impfpflicht gegen die Pocken eingeführt. Die führenden Kritiker brachten sogar eigene Zeitungen heraus – „Die Impfgegner“ oder auch „Die Impffrage“ –, um gegen das neue Gesetz zu wettern. Wie aufwendig. Heutzutage gibt es dafür Telegram. Als Argumente führten die damaligen Impfgegnerinnen und -gegner Einschränkungen des Persönlichkeitsrechts, fehlende Wirksamkeit des Impfstoffs („Geimpfte können auch die Pocken bekommen“) oder mögliche Impfschäden (einige glaubten, zu Kühen zu werden) auf. Manche erkannten die Kausalität nicht, dass die Impfungen die Zahl der Pockenerkrankungen reduzierten. Das alles klingt erschreckend vertraut, oder?

Dabei ist die Pockenimpfung eine echte medizinische Erfolgsstory. Bis 1976 galt die Impfpflicht gegen Pocken in Deutschland. 1980 erklärte die WHO die Welt für pockenfrei. Ich wurde zum Beispiel gar nicht mehr gegen Pocken geimpft – weil es nicht mehr notwendig war. Wie genial ist das denn, bitte?! Dabei bedarf es nicht einmal zwingend einer Impfpflicht. Die Masern konnten wir uns schließlich echt lange mithilfe der Impfung vom Hals halten. Seit 2020 gibt es die Impfpflicht, weil die Impfquote stetig sank, die Masernfälle sich häuften. Ein Hoch auf das Präventionsparadox.

Impfgegnerinnen und -gegnern ist mit Vernunft nicht beizukommen. Die Medizin hat sich weiterentwickelt, die Argumentation der Impfgegnerinnen und -gegner nicht. Keine Reflexion innerhalb von 150 Jahren – bedauerlich.


Zur Person: 

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