Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Erinnerungen an Ersten Weltkrieg sind umstritten

Die Essener Lehrerin Johanna Kröger legte eine Kriegschronik vor. Darin bezeichnet sie "die Jahre 1914/18" als "eine große Zeit in der Geschichte unseres deutschen Volkes".

Artikel teilen:
Zentraler Ort für das Gedenken: Die Wallfahrtskapelle in Bethen. Foto: Christian Westerhoff

Zentraler Ort für das Gedenken: Die Wallfahrtskapelle in Bethen. Foto: Christian Westerhoff

Der verlorene Erste Weltkrieg stellte für die Weimarer Republik eine große Belastung dar. Der Krieg, für den die junge Republik nicht verantwortlich war, erhitzte über Jahre hinweg die Gemüter. Insbesondere die als hart empfundenen Bedingungen des Versailler Vertrages waren ein bestimmendes Thema erbitterter Debatten. Die Kriegschroniken der 1920er und 1930er Jahre sind daher nicht bloß reine Erinnerungswerke, sondern aufschlussreiche Interpretationen des Krieges.

Die Kriegschroniken des Oldenburger Münsterlandes enthalten insbesondere in den Vor- und Nachworten Aussagen zu den Intentionen und Deutungen der Autoren. Viele dieser Aussagen sind jedoch erst auf den zweiten Blick verständlich. Ein gutes Beispiel hierfür bildet das 750 Seiten starke Werk "Essen im Weltkrieg" der Essener Lehrerin Johanna Kröger aus dem Jahr 1930. Im Vorwort schreibt die Autorin: "Ein Heer von Feinden suchte unser liebes deutsches Vaterland zu knechten, aber unsere wehrfähigen deutschen Heldensöhne hüteten unsere Grenzen und gaben keinen Zoll deutschen Bodens frei. Ihnen ist es zu verdanken, daß sich Franzosen und Russen in Berlin nicht die Hände reichten, daß sie nicht unseren Heimatboden zertraten."

Ansichtssache: Krieg wurde Deutschen aufgezwungen

Es handelt sich um Interpretationen des Krieges, die damals weit verbreitet waren. Hierzu zählt die Ansicht, dass der Krieg Deutschland 1914 aufgezwungen worden sei, um das Land zu unterwerfen. Nur der tapfere Kampf der deutschen Soldaten gegen eine große Übermacht habe eine Zerstörung Deutschlands verhindert. Aus heutiger Sicht erscheinen vieler dieser Ansichten als äußerst fragwürdig und nicht nachvollziehbar. Wenn Deutschland im Versailler Vertrag in seinen Kerngebieten dennoch fortbestand, hatte dies nichts mit dem Kampf der deutschen Soldaten während des Krieges zu tun, sondern damit, dass einige Siegermächte Deutschland eben nicht vollständig von der Landkarte verschwinden lassen wollten.

Einlegeblatt zur Regimentsgeschichte: Die Kämpfe des Oldenburgischen Infanterieregiments Nr. 91 gelten in jedem Fall als ruhmreich“. Foto: Württembergische LandesbibliothekBfZEinlegeblatt zur Regimentsgeschichte: Die Kämpfe des Oldenburgischen Infanterieregiments Nr. 91 gelten in jedem Fall als „ruhmreich“. Foto: Württembergische Landesbibliothek/BfZ

Viele Zeitgenossen hatten in der Weimarer Republik jedoch einen anderen Blick auf Krieg und Niederlage. Weit verbreitet war die Vorstellung, dass das deutsche Heer 1918 unbesiegt gewesen sei und weiterkämpfen habe können, um günstigere Friedensbedingungen zu erwirken. Rechte Politiker und Militärs gingen noch einen Schritt weiter. Der spätere Reichspräsident Paul von Hindenburg unterstellte 1919 der Zivilbevölkerung, dem Heer im Rahmen der Novemberrevolution 1918 in den Rücken gefallen zu sein und damit erst die Niederlage herbeigeführt zu haben. Auch die Kriegschronik des Oldenburgischen Infanterieregiments Nr. 91, in dem die meisten Südoldenburger dienten, folgt dieser "Dolchstoßlegende". In der Regimentsgeschichte aus dem Jahr 1930 heißt es, das Regiment sei "unbesiegt" aus dem Weltkrieg heimgekehrt. Erst „durch die Revolution“ sei das "immer siegreiche Heer […] geschlagen" worden.

"Essen im Krieg" sollte zur Einigkeit und zum Frieden aufrufen

Pflegte Johanna Kröger also rechtes Gedankengut? Betrieb die Essener Lehrerin Kriegsverherrlichung? Schließlich bezeichnet sie "die Jahre 1914/18" in ihrem Vorwort als "eine große Zeit in der Geschichte unsers deutschen Volkes". Doch gleichzeitig nennt sie den Krieg "das größte zeitliche Übel", das sie "im tiefsten Herzen verabscheue". Die Gesellschaft dürfe jedoch "nicht blind sein für das Große, daß unser Volk draußen an allen Fronten im Ringen gegen eine Welt von Feinden geleistet" habe. "Das alles zu würdigen, im vorliegenden Werk möglichst festzuhalten und der Nachwelt zu überliefern, ist der Hauptzweck ihres Buches", erklärt Kröger. "Essen im Weltkrieg" solle zwar ein "Heldenbuch" sein, aber nicht der Verherrlichung des Krieges dienen, sondern "zur Einigkeit und zum Frieden" aufrufen, "zum dauernden im christlichen Glauben und in der selbstlosen Liebe verankerten Völkerfrieden".

Leid der Essener Soldaten einen Sinn verleihen

Diese Verbindung von Heroisierung und Mahnung vor dem Krieg erscheint heute sonderbar. Johanna Kröger versuchte auf diese Weise offenbar, dem Einsatz und dem Leid der Essener Soldaten einen Sinn zu verleihen. In der Gemeinde Cappeln versuchte man, aus den Opfern des Krieges einen Anstoß für einen positiven Neubeginn abzuleiten. "Aufbauen! Arbeiten, sich verstehen lernen, Opfer bringen" müsse nun die Parole sein, heißt es im "Kriegsgedenkbüchlein" aus dem Jahr 1925. Mit diesem Motto werde man auch dem Opfer der Soldaten gerecht, die aus dem Krieg nicht heimkehrten. Diese Lehre aus dem Krieg in der Weimarer Republik setzte sich aber nicht durch.

Zahlreiche Kriegsteilnehmer hatten den Eindruck, dass ihr Einsatz und ihre Opfer von der Republik nicht angemessen anerkannt wurden und strebten eine - auch gewaltsame - Revidierung des Versailler Vertrages an. Spätestens mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde der Revanchismus offizielle Politik. Vermeintlicher Völkerfrieden und Versöhnung dienten nur noch dazu, die Vorbereitung des nächsten Krieges zu vertuschen.

Jetzt neu! Moin Friesoythe! Der wöchentliche Newsletter für die Eisenstadt mit aktuellen News und Informationen. So verpassen Sie nichts mehr. Jeden Donnerstag in Ihrem Postfach. Jetzt hier anmelden.  

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Erinnerungen an Ersten Weltkrieg sind umstritten - OM online