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Erinnerung an einen turbulenten Montag

Kolumne: Batke dichtet – Vor 50 Jahren fegte Tiefdruckgebiet "Quimburga" über die Region. Der "Niedersachsen-Orkan" von 1972 hat sich ins Gedächtnis eingebrannt.

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Ist bei Ihrem persönlichen Wochen-Rückblick der Name „Philomena“ hängengeblieben? Wahrscheinlich ging er im Zuge von Klimagipfel, US-Wahlen und Vorfreude auf eine Fußball-WM auf Weihnachtsmärkten ein wenig unter. Der weibliche Name Philomena entstammt dem Griechischen und könnte als „den Eifer liebende, ungestüme Frau“ übersetzt werden. Nun, davon hatte die Philomena dieser Woche nicht viel. Das so benannte Atlantik-Tiefdruckgebiet war nämlich recht schwach auf der Brust.

Philomena hat eine ältere Schwester, „Quimburga“ – bezeichnet nach einer heilig gesprochenen englischen Nonne aus dem Mittelalter. Quimburga besuchte uns am 13. November 1972, also vor 50 Jahren, an einem Montag. In der Politik wurde da gerade im hitzigen Wahlkampf der Grundlagenvertrag mit der DDR diskutiert, der FC Bayern führte vor Fortuna Düsseldorf und dem Wuppertaler SV die Bundesliga-Tabelle an und für den ersten Tag der Woche war ein allenfalls moderater Sturm vorausgesagt.

"Der Tag ist uns Älteren ebenso präsent wie etwa der 21. Juli 1969 als Tag der Mondlandung oder der 9. November 1989 als Tag des Mauerfalls."Alfons Batke

Doch die hinterlistige Quimburga kam langsam, aber gewaltig. Und sorgte für etwas, das man für sein Leben nicht vergessen wird. Ins kollektive Gedächtnis hat sie sich als „Niedersachsen-Orkan“ eingebrannt. Der Tag ist uns Älteren ebenso präsent wie etwa der 21. Juli 1969 als Tag der Mondlandung, der 9. November 1989 als Tag des Mauerfalls oder der 11. September 2001 als der Tag der Terrorangriffe von New York und Washington.

Auch wenn jetzt genau 50 Jahre ins Land gezogen sind, kann ich mich an diesen turbulenten Montag gut erinnern. Im Radio, das wie immer zur Frühstückszeit lief, war noch von einigen stürmischen Böen die Rede. Ich war kurz nach 7 Uhr in der Früh auf dem Weg zu einem Kumpel, um ihn zur Schule abzuholen, als ich von einer dieser Böen erfasst und durch die Luft gewirbelt wurde. Zwar gelang es mir als zu dieser Zeit gut trainierter Teenager einigermaßen, die Turbulenzen zu meistern und ohne Verletzungen davonzukommen, doch der Schreck ob dieser Naturgewalt ließ sich nicht wegdiskutieren.

Im Nachhinein ist es kaum vorstellbar, dass an diesem Tag überhaupt Schule stattfand, wo doch heutzutage schon am Dienstagabend der Unterricht abgesagt wird, wenn Mittwochmorgen möglicherweise leichter Schneefall droht. Bis zur dritten Stunde wurde an jenem 13. November 1972 am Antonianum in Vechta der Unterricht aufrechterhalten, ehe uns ein hörbar angegriffener Direktor per Durchsage mit brüchiger Stimme dazu aufforderte, den Heimweg anzutreten – was gefährlich genug war. Zu diesem Zeitpunkt hatte der Oberkreisdirektor gerade den Katastrophenalarm ausgerufen. Quimburga fegte mit bis zu 200 km/h über uns hinweg und zog auch durch Südoldenburg eine Schneise der Verwüstung mit abgedeckten Häusern, einstürzenden Neubauten, umgeknickten Strommasten oder Kahlschlag in den Wäldern.

50 Jahre später: Philomena hat sich kleinlaut verzogen und einem Hoch namens „Charly“ Platz gemacht. Ein November-Frühling in voller Pracht. Im Klima des Wandels planen wir einen Radausflug für den Sonntag. Zu einem Adventsmarkt.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autor erreichen unter redaktion@om-medien.de.

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