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Erinnerung an ein "verrücktes Huhn"

Kolumne: In der Zeit zwischen Allerheiligen, Volkstrauertag und Totensonntag denken wir vermehrt an die Menschen, die nicht mehr unter uns sind. Oft werden dabei Erinnerungen wach.

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Es ist wieder die Zeit, in der wir vermehrt an die lieben Menschen denken, die nicht mehr unter uns sind. Allerheiligen und Allerseelen liegen hinter uns, Volkstrauertag und Totensonntag noch vor uns. Beim Durchstöbern einiger Archivunterlagen stieß ich kürzlich auf Dokumente einer schon mehr als 30 Jahre zurückliegenden USA-Reise und wurde an eine Kollegin und einen Kollegen erinnert, die bei mir nachhaltig Eindruck hinterlassen haben – Anne Scott und William F. Miller. Scotts Todestag jährte sich unlängst zum zehnten Mal, sie wurde 92 Jahre alt. Miller starb 2009 im Alter von 73 Jahren.

Miller, von allen nur „Bill“ gerufen, lernte ich Anfang 1989 in Vechta kennen. Im Rahmen eines Journalisten-Austauschprogramms verbrachte er einige Zeit in Deutschland und nutzte sie auch, um Recherchen in Zusammenhang mit dem sich abzeichnenden Fall des Eisernen Vorhangs zu beginnen. Bill, väterlicherseits mit deutschen und mütterlicherseits mit polnischen Wurzeln und verheiratet mit der Fränkin Marianne (geb. Späthling), war im Herbst 1989 mein Betreuer, als ich für zwei Wochen bei „seiner“ Zeitung, dem „Plain Dealer“ in Cleveland, Ohio hospitieren durfte.

"Der Aufenthalt in der Metropole am Südufer des Erie-Sees ließ mich hinter die Kulissen eines Amerika blicken, das noch nicht durch den spaltenden Charakter der Trump-Jahre verdorben war." Alfons Batke

Der Aufenthalt in der Metropole am Südufer des Erie-Sees ließ mich hinter die Kulissen eines Amerika blicken, das noch nicht durch den spaltenden Charakter der Trump-Jahre verdorben war. Das für ein Gebilde wie die USA überlebenswichtige Zusammenspiel der Ethnien war das zentrale Thema des journalistischen Wirkens von Bill Miller. Für seine Arbeiten aus dem Herzen der Gesellschaft erhielt er viele Preise und wurde sogar für den Pulitzerpreis nominiert.

Zu einem Barbecue-Abend im Hause Miller luden Bill und Marianne auch einige Kolleginnen und Kollegen aus der Redaktion des „Plain Dealer“ ein. „Und das hier ist das verrückteste Huhn im Stall“, stellte mir der Gastgeber eine Lady vor, die er charmant als den „ältesten Teenager der Welt“ präsentierte. Es war die oben erwähnte Anne Scott, Markenzeichen: eine überdimensionale Brille mit einem rosafarbenen Gestell und täglich ein anderes T-Shirt mit Motiven aus der Welt der Popmusik.

Janes Arbeitgeber leistete sich als erste Tageszeitung der USA überhaupt ein eigenes Rock-Ressort. Miss Scott hatte sich in der Branche schnell einen Namen gemacht, interviewte die Beatles ebenso bei deren Cleveland-Visite wie Jim Morrison – mit dem legendären Doors-Sänger kippte sie 1967 kurz vor dem Auftritt noch schnell ein Bier, wie sie mir am besagten Grillabend vertraulich mitteilte. Und sie verriet mir ihr Credo: „Warum soll ich zu einem Bridge-Abend gehen, wenn ich mich mit Bruce Springsteen treffen kann?“

Als ich Jane im Garten des Kollegen Miller traf, war die Grande Dame der Rock-and-Roll-Berichterstattung gerade 70 Jahre alt geworden. Und sie hatte noch ein besonderes Bonbon für den Besuch aus Germany parat: „Hast du Lust, morgen mit ins Stadion zu kommen? Zu den Stones. Ich habe Backstage-Karten.“ Ich hatte Lust, erlebte ein fantastisches Konzert im Rahmen der „Steel Wheels“-Tour und eine Jane Scott, die auch auf der After-Show-Party noch voll in ihrem Element war. Und sie raunte mir verschwörerisch zu: „Erzähl' aber keinem, dass mir Mick Jagger eben einen Zettel mit seiner Zimmernummer zugesteckt hat.“


Zur Person:

  • Alfons Batke (65) ist Journalist und lebt in Lohne.
  • Sie erreichen ihn unter der Adresse info@om-online.de

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