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Endlich 68er?

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Bis heute ist mir wichtig, was uns damals wichtig war: dass wir uns nicht verbiegen müssen. Dass wir uns trauen, die zu sein, die wir sind.

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Ich bin im Jahr 1953 geboren. Zum letzten Geburtstag schrieb mir darum ein Bekannter: „Jetzt bist auch Du ein 68er!“ Aber ein bisschen war ich das schon immer. Zwar war ich 1968 erst 15 und damit, wie der Hamburger Pädagogikprofessor Peter Struck zu sagen pflegt, am Tiefpunkt der menschlichen Entwicklung. Doch im Ruhrgebiet bekam auch ein 15-Jähriger mit, dass die Zeiten sich änderten. Meine Haare wuchsen bis über die Ohren. Ich bekam eine gewagt gemusterte Hose und eine Safari-Jacke, die an Sergeant Pepper erinnerte, zumindest bildete ich mir das ein. Wie all meine Freunde hörte ich nur englische Musik. Über meinem Bett hingen Bilder von Che Guevara und John Lennon, auf meinem Nachttisch lagen – nicht wirklich gelesen, zumindest nicht verstanden – Bücher von Marcuse und Horkheimer.

Ich ging mit auf die Straße nach den Schüssen auf Rudi Dutschke, aber auch, als der Warschauer Pakt den Prager Frühling niederwalzte. Beim Katholikentag 1968 in Essen skandierten wir „Mäh, mäh, mäh, wir sind Gottes Schafe“, und kamen uns dabei rebellisch vor. Wir fanden uns fortschrittlich und die Alten beschränkt, mit jener ahnungslosen Selbstgerechtigkeit, die das Recht der Jugend ist. Heute hängen andere Bilder über meinem Bett und andere Bücher liegen auf meinem Nachttisch. Aber meine Haare reichen noch immer über die Ohren. Sicher war wie vieles, was wir damals wollten, unreif und undankbar. 

"Als 68er bin ich heute ein alter weißer Mann, wieder für manche am Tiefpunkt menschlicher Entwicklung angekommen." Heinrich Dickerhoff

Doch dass wir heute in Deutschland, auch im Oldenburger Münsterland, viel freier leben als vor 60 Jahren, das lag auch an denen, die damals jung waren. Und bis heute ist mir wichtig, was uns damals wichtig war: dass wir uns nicht verbiegen müssen. Dass wir nicht leben, wie andere es angeblich von uns erwarten. Dass wir uns trauen, die zu sein, die wir sind. Nicht rücksichtslos und narzisstisch. Sondern mit dem gleichen Respekt vor der Freiheit, Kostbarkeit und Eigenheit der anderen, den wir für uns selbst erwarten.

Als 68er bin ich heute ein alter weißer Mann, wieder für manche am Tiefpunkt menschlicher Entwicklung angekommen. Ja, leider wird heute nicht weniger geurteilt und gepredigt als 1968. Nicht von den Kirchen. Die haben nicht mehr viel zu sagen. Andere geben den Ton an, im sicheren Besitz endgültiger Wahrheit und moralischer Überlegenheit ermahnen und verdammen sie die, die nicht denken und reden wie sie.

Doch stromlinienförmig will ich heute so wenig sein wie 1968, auch wenn heute ganz andere Strömungen an uns zerren. Aber noch immer müssen wir üben, einander auszuhalten, auch wenn wir andere Vorstellungen vom Leben haben. Das Leben hat mehr Farben, als sich auf meiner Palette finden. Das einzusehen ist im so viel bunter gewordenen Oldenburger Münsterland heute vielleicht noch wichtiger als 1968.


Zur Person:

  • Heinrich Dickerhoff ist Akademiedirektor in Rente, Hausmann und arbeitet als freiberuflicher Dozent.
  • Er wohnt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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