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Eingesperrt bei Oma und Opa

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben - Im Gäste-WC gefangen, keine Hilfe in Sicht und ein fast leeres Handy - kann denn nicht mal ein Kommissar kommen und die Tür eintreten?

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Wenn man in einem Haus aufgewachsen ist, dann kennt man jede Ecke, jedes Versteck, jede Stufe, jeden Raum am Geruch, könnte blind durch die Gegend laufen. Und der Gang zum Gäste-WC bei Oma und Opa – Ich merke schon gar nicht mehr, wenn ich drin bin - alles automatisch. Schlüssel umdrehen und einen Moment Pause. Bis zum 7. Januar in diesem besonderen Corona-Jahr. Ich schloss wie immer die WC-Tür ab, aber sie ging nicht wieder auf. Opa schlummerte ohne Hörgerät im tiefsten Mittagsschlaf und Oma weilte zum Kurzcheck für ein paar Tage im Krankenhaus. Gerüttelt, geschüttelt, den blöden Schlüssel nach rechts und links gedreht, nichts ging mehr. Ich war gefangen, eingesperrt im Gäste-WC bei Oma und Opa.

Eine Explosion der Tür hätte Opa nicht vom Sofa holen können, und der Türrahmen aus Stahl ist zu stark für meine schwachen Muskeln. Mein Handy zeigte noch 14 Prozent Akku, verdursten würde ich nicht, Wasser gab es ja genug und auch ein schmales Oberlicht in meinem kleinen Gefängnis.

Das Fenster zu zerschlagen mit Omas Keramik-Klobürste, mir beim Ausstieg Schnittwunden holen und blutig bei Opa am Sofa stehen – kein so wirklich guter Plan. Vor Kurzem hatte ich von einem Piloten gelesen, der in der Luft auf dem Flugzeug-WC eingeklemmt war. Jetzt saß ich hier, hilflos und bedröppelt.

"Konnte denn jetzt kein Kommissar kommen und wie im Fernsehen die Tür eintreten?"Antonius Schröer

Mein erster Hilferuf ging zum örtlichen Tür- und Fensterbauer: „Betriebsferien bis zum 11. Januar“, meldete die nette Dame am Anrufbeantworter. Genauso mein zweiter Handwerksbetrieb – sollte ich denn bei Amazon bestellen?

Ich brauchte einen realen Menschen, einen Retter. Nach 35 einsamen Minuten erinnerte ich mich an den Bruder einer Mitarbeiterin, er ist Tischler. Elfriede machte ihn im Weihnachtsurlaub zuhause ausfindig. 15 lange Minuten – dann würde Lui kommen. Zum Zeitvertreib sah ich in den großen von Oma blitzblank polierten Spiegel und konnte jede Falte in meinem Gesicht analysieren, was soll man denn auch sonst machen, einsam auf dem Klo. Schiffchen aus WC-Papier basteln?

Endlich traf die Rettung ein: „Na, haste dein Geschäft fertig?“. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Zehn weitere Minuten bohrte und schraubte mein Retter feinsinnig auf der anderen Seite – ich blieb gefangen. Konnte denn jetzt kein Kommissar kommen und wie im Fernsehen die Tür eintreten?

„Brech einfach auf! Wir kaufen eine neue Tür!“, ich hatte die Nase voll, das Brecheisen kam zum Einsatz. Die Splitter flogen, das Türblatt kaputt, der Boden voll Dreck. Gott sei Dank lag Oma im Krankenhaus.

Opa schlief selig weiter, meinte am Abend bloß „Wir pinseln ein bisschen Farbe drüber, dat lätt woll“. Wie kann man nach 60 Jahren Ehe seine Frau so wenig kennen? Oma würde Herzrasen bekommen beim Anblick der kaputten Tür! Eine neue Tür musste her – schnell und geräuschlos. Ich gehe weiter aufs Gäste-WC, schließe aber nie mehr ab. Sollen Oma oder Opa mich doch sitzen sehen, und anderswo strecke ich jetzt immer den Arm aus und halte die Klinke fest – immer!


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser. Der 59-Jährige verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.

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