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Ein sturmfestes Klischee kommt selten allein

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Über die verschiedenen deutschen Regionen und ihre Bevölkerung kursieren zahlreiche Vorurteile. Nicht schön, aber manchmal straft einen die Realität keine Lügen.

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"Sturmfest und erdverwachsen“: Was wohl auf so ziemlich jeden Stammbaum in der Eifel zutreffen dürfte, charakterisiert – glaubt man dem von Hermann Grote (1885-1971) vermutlich um 1926 verfassten und komponierten "Niedersachsenlied“ – auch den hiesigen Menschenschlag. An und in welch konkreten Situationen dies festzumachen sein soll, sei jetzt mal dahingestellt. Was zählt, ist vielmehr ein – etwa bei Schützenfesten oder Parteiveranstaltungen – inbrünstig beschworenes und besungenes Gemeinschaftsgefühl, "von der Weser bis zur Elbe, von dem Harz bis an das Meer".

Dabei scheint so eine konstruierte, pathetisch aufgeladene Pauschalisierung von Wesenszügen – gerade im Angesicht einer zunehmend diversen und individualisierten Gesellschaft – irgendwie obsolet. Oder wirkt sie gerade dann identitätsstiftend? Jedenfalls ist der Weg zum Stereotyp nicht weit. Denn der sturmfeste und erdverwachsene Niedersachse ist kein Einzelfall. Klischees gibt es schließlich nicht nur bei den Geschlechtern – Sie wissen schon: ER kann beim Einparken nicht zuhören (oder so ähnlich). Auch über andere deutsche Bundesländer und deren Bevölkerung kursieren Vorurteile.

"Doch auch man selbst, das gebe ich gerne zu, ist häufig voreingenommen, wenn es um 'die Anderen' geht."Florian Ferber, Redakteur

Eine spezielle "Typisch“-Landkarte der BRD im Internet (www.businessinsider.de) listet einige gehässige Beispiele auf. Dort wird Berlin als "grün-kommunistisches Hipster-Ghetto“ tituliert. Schleswig-Holstein ist "flach, langweilig und voller Bauern und Fischer“. Hamburger sind "linksorientiert, sprechen wie Piraten, stehen etwas zu sehr auf Bordelle“, und Schwaben sind ein "fleißiges Volk mit Sprachstörung“. Die 3 wesentlichsten Besonderheiten von Thüringen? "Wald, Wurst und Sozialismus“. Und das Saarland "sieht aus wie die Bronx, fühlt sich an wie Bagdad“. Ach ja: Bayern beherbergt den "arrogantesten Fußballverein der Welt“. Zumindest der letzten Aussage widerspreche ich nicht. "Mia san mir" völlig egal, aber das nur am Rande.

Doch auch man selbst, das gebe ich gerne zu, ist häufig voreingenommen, wenn es um "die Anderen“ geht. Den Sauerländer "an sich“ zum Beispiel stellt man sich nicht gerade als extrovertierte Spaßgranate vor. Und manchmal bestätigt die Realität das Klischee. Meine Schwester und ihre Freundin waren vor einiger Zeit Gäste auf einer Hochzeit. Als sie vor dem Essen ihren männlichen Tischnachbarn aus eben jener westfälischen Mittelgebirgsregion den freundlichen Vorschlag machten, ob man sich nicht mal gegenseitig vorstellen wolle, traf ein niederrheinisches Hochdruckgebiet auf eine kühl-distanzierte Kaltfront – und die, sagen wir es vorsichtig, trockene Antwort: "Kann man aber auch sein lassen!“. Rumms! Eine ähnliche Erfahrung musste mein kontaktfreudiger Ruhrgebietsopa bei einem Besuch bei mir in Mecklenburg-Vorpommern machen. Mehrmals unternahm er den Versuch, mit den maulfaulen Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Doch die gingen stets lieber hinter Angel und Bierflasche in Deckung.

Man kann, statt gängigen Klischees zu verfallen, aber auch eine melancholisch-ironische Poesie wählen, um die Eigenarten bestimmter Landstriche und ihrer Bewohner hervorzuheben. Kabarettist Hanns Dieter Hüsch (1925-2005) etwa schrieb einmal über seine Heimat: "Der Niederrhein, denk ich immer, macht einem nix vor. Da gibbet keine kalkulierte Romantik, sondern eine Musik aus Vergessen und Erinnern, un da draus entsteht das Gefühl am Ende der Welt, am Ende aller Tage zu sein.“


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