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Ein Jugendzimmer kommt heute ohne Fernseher aus

Die Teenager setzen auf Streaming-Dienste, deren Angebote sie sich auf Smartphone und Laptop anschauen. Für den Radio- und Fernsehtechniker H.G. Scheper indes waren drei Programme noch die Regel.

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Fernsehen für die Hosentasche: Jugendliche (hier Anna-Lena (von links), Luca, Antonia und Dennis) benötigen kein Flachbild-TV. Einigen reicht es, ihre Lieblingsserien auf dem Smartphone zu schauen. Foto: Thomas Vorwerk

Fernsehen für die Hosentasche: Jugendliche (hier Anna-Lena (von links), Luca, Antonia und Dennis) benötigen kein Flachbild-TV. Einigen reicht es, ihre Lieblingsserien auf dem Smartphone zu schauen. Foto: Thomas Vorwerk

Wenn am Sonntag der "Welttag des Fernsehens" ansteht, dann geht es zwar weniger um den flachen, hochauflösenden Bildschirm an der Wohnzimmerwand, sondern mehr um die Inhalte. Beides hat sich allerdings in den vergangenen Jahrzehnten mächtig gewandelt. Besonders bei jungen Menschen spielt das klassische Fernsehprogramm keine große Rolle mehr. Streaminganbieter wie Netflix oder Disney+ hingegen schon.

Als Heinz-Georg Scheper, von allen nur H.G. genannt, 1974 seine Lehre als Radio- und Fernsehtechniker in Wildeshausen begann, da lösten Transistoren gerade die Röhrentechnik ab. Das Farbfernsehen gab es da schon sieben Jahre, doch die Schwarz/Weiß-Generation war noch aktiv und landete entsprechend regelmäßig für Reparaturen in den Werkstätten. "Damals ging das noch", sagt der 63-Jährige, der seit 35 Jahren ein Fachgeschäft in Emstek betreibt. Heute seien viele Hersteller am Markt, die den Werkstätten gar nicht die nötigen Informationen anbieten würden.    

Seinerzeit war es so, dass ein Gerät beim Kunden abgeholt wurde und  man auf Fehlersuche gegangen ist. "Wenn dann klar war, was defekt war, wurden die Ersatzteile per Postkarte bestellt und waren ein paar Tage später da." Einen Hersteller aus Süddeutschland hebt der gebürtige Schwichteler hervor, der zu den Unternehmen gehört, "die uns wertschätzen", wie er sagt. Von dort kommen bis heute regelmäßig Benachrichtigungen. "Erst am 9. November gab es wieder einen Newsletter, der über Updates, neue Funktionen und Verbesserungen informierte."

Im Wandel der Zeit: H.G. Scheper hat TV-Geräte aus den vergangenen fast 70 Jahren in seinem Laden aufgestellt. Foto: Thomas VorwerkIm Wandel der Zeit: H.G. Scheper hat TV-Geräte aus den vergangenen fast 70 Jahren in seinem Laden aufgestellt. Foto: Thomas Vorwerk

In den 70er Jahren waren es in der Regel drei Programme, die in den Wohnstuben Südoldenburgs auf den Bildschirmen flimmerten. Und das auch nur, wenn die Antenne gut ausgerichtet war. Auch dafür war Fachkompetenz gefragt und als in den 1980er Jahren RTL und SAT 1 terrestrisch zu empfangen waren, gab das einen richtigen Schub für die Handwerksbetriebe. HG Scheper erinnert sich an einen Kunden, der ein absoluter Tennis-Fan war und das Wimbledon-Turnier sehen wollte. "Dafür haben wir eine 1,80 Meter große Satellitenschüssel installiert, um den Satelliten ,Kopernikus' zu nutzen." 

Heute bestimmen Internet und Netzwerktechnik die Auftragslage und damit wird auch eine Zielgruppe erreicht, die mit dem klassischen Fernsehen gar nicht mehr so viel gemein hat. Das TV-Gerät im Jugendzimmer ist nicht mehr selbstverständlich, wie der Besuch in einer neunten Klasse der Oberschule Emstek gezeigt hat. Nur neun der rund 25 Schülerinnen und Schüler haben eine Flimmerkiste in ihren vier Wänden. 

Diagonale mit 15 Zentimetern reicht auch für Spielfilme

Das bedeutet keineswegs, dass sie auf Serien und Sportereignisse verzichten. Nur, dass Championsleague und Squid Game auf dem Smartphone, dem Tablet und dem Laptop geschaut werden. Der Bildschirm mit einer Diagonale von rund 15 Zentimetern reicht einigen sogar, um komplette Spielfilme anzusehen. "Man kann sich die Filme auch herunterladen und dann unterwegs schauen", meint Dennis. Lange Autofahrten werden für ihn so um einiges angenehmer. Klassenkameradin Antonia erinnert sich an eine technische Störung während eines schweren Gewitters. "Im Internet konnte man das Fußballspiel aber weiterhin sehen."

Die Auswahl an Streaming-Diensten ist groß und mit Netflix alleine gibt sich offenbar kaum noch jemand zufrieden. Disney+, Joyn, Magenta-Sport, Sky, Apple TV, Amazon Prime, DAZN und RTL+ heißen weitere kostenpflichtige Angebote, die die Lieblingsserie und das favorisierte Sportereignis zur gewünschten Uhrzeit liefern. Oder Crunchyroll. Eine Plattform, die sich auf japanische Trickfilme, so genannte Anime, spezialisiert hat. Die Abomodelle lassen es teilweise zu, dass sich mehrere Nutzer einen Zugang teilen können und so die Kosten etwas geringer ausfallen. Wer mehrere Angebote nutzt, kann aber schnell auf monatlich 50 Euro und mehr kommen.

Klassisches Fernsehprogramm ist die absolute Ausnahme

Der kleinen Umfrage nach ist das klassische Fernsehprogramm nur noch bei besonderen Ereignissen wie Fußballweltmeisterschaften von Interesse. Und auch die Tagesschau wird von einem Jugendlichen ins Spiel gebracht, die zu seinen täglichen Gewohnheiten gehört. Bei fast jedem Schüler sind aber vier bis fünf Stunden am Bildschirm keine Seltenheit und am Wochenende kann es auch noch mehr werden, auch wenn nicht aktiv alles mitverfolgt wird und es manchmal nur eine Geräuschkulisse ist. 

Damit heben sich die Emsteker nicht von der Masse ab. Laut "Media Activity Guide" war das Fernsehen im Jahr 2021 in Deutschland mit durchschnittlich knapp vier Stunden Nutzung am Tag das Medium mit der längsten täglichen Nutzungsdauer. Das Internet kommt laut dieser Statistik noch einmal mit zweieinhalb Stunden hinzu. Was Lehrerin Heike Kloster in ihrer Klasse beruhigte: Etwa die Hälfte die Schüler gab an, Serien und Berichte teilweise auf Englisch zu verfolgen. 

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