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Ein Jahr lang: Bei Anruf Glückwunsch

Hubert Looschen, Diakon in Garrel, hat in einem Jahr 6500 Menschen aus der Kirchengemeinde zum Geburtstag gratuliert. Dadurch habe er sehr viel zurückbekommen.

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Ständchen an der Haustür: Hubert Looschen überraschte Agnes Bley an ihrem Geburtstag mit einem Blumenstrauß. Foto: Schrimper

Ständchen an der Haustür: Hubert Looschen überraschte Agnes Bley an ihrem Geburtstag mit einem Blumenstrauß. Foto: Schrimper

„Es war sehr schwer, nicht von mir angerufen zu werden“, sagt Hubert Looschen mit einem Schmunzeln. Dank viel detektivischem Spürsinn hat er ein Jahr lang nahezu alle Mitglieder der Garreler Pfarrgemeinde St. Johannes Baptist bis einschließlich 79 Jahre und deren andersgläubige Partner an die Strippe bekommen, um ihnen an ihrem jeweiligen Ehrentag ein Geburtstagsständchen zu bringen und Glückwünsche auszusprechen.

Mitten im ersten Lockdown hatte sich der 71-Jährige dieser besonderen Aufgabe gestellt – um in Zeiten der Kontaktbeschränkungen den Kontakt wenigstens fernmündlich nicht abreißen zu lassen. Tag für Tag klemmte er sich an den Hörer – und schöpfte die Flatrate seines Telefonanbieters richtig aus.

Von der Resonanz auf diese Aktion zeigte sich Looschen bei einem Gespräch mit der Redaktion begeistert. Das habe er so nicht erwartet. Er schätzt, dass er seit April 2020 rund 6500 Menschen gratuliert hat. Die Zahl der getätigten Anrufe liege aber sicher noch um ein Vielfaches höher. Inklusive der vergeblichen Anrufe dürften es um die 20.000 Telefonate gewesen sein, hat der Gratulant überschlagen. „Das hat mir unheimlich große Freude gemacht. Dass das solche positiven Auswirkungen hat, hab ich mir selbst nicht vorstellen können.“

Looschen will die Aktion fortsetzen

Vor wenigen Tagen habe er die Entscheidung gefällt, die Aktion fortzusetzen, berichtet Looschen. Nachdem er einem achtjährigen Mädchen aus der Nachbarschaft zu ihrem Geburtstag gratuliert hatte, habe diese ihm zwei Stücke von ihrem Geburtstagskuchen vorbeigebracht. Auch das Lob einer 13-Jährigen für seine Telefonstimme sporne ihn an, weiterzumachen.

Am Donnerstag hat Looschen zum Abschluss seines ersten Jahres als Gratulant Geburtstagskind Agnes Bley einen Besuch an der Haustür abgestattet. Mit dem Klassiker „Viel Glück und viel Segen“ und einem Blumenstrauß machte der Garreler der 79-Jährigen eine große Freude. Sie wird im kommenden Jahr keinen Anruf von Looschen bekommen. Stattdessen erhält sie – wie alle Gemeindemitglieder über 80 Jahre – einen Besuch von Pfarrer Paul Horst oder Pater Thomas.

"Das war gern geschenkte Zeit"

Durch die unzähligen Gespräche habe er auch für sich persönlich viel zurückbekommen, sagt Looschen. „Das war gern geschenkte Zeit.“ „Es spiegelt sich das ganze Leben darin wider“, sagt der Diakon im Hinblick auf die Telefonate – Freude über die Geburt eines Kindes, Trauer über den Verlust eines nahestehenden Menschen, Krankheit. Vielen habe es gutgetan, Dinge loszuwerden, die ihnen auf der Seele liegen. Einige wenige seien „kurz angebunden“ gewesen am Telefon, die meisten hätten sich aber sehr gefreut, so Looschen. „95 Prozent wussten sofort, wer ich bin.“

Detektivarbeit: Hubert Looschen hat sich viel Mühe gemacht, die richtigen Telefonnummern herauszufinden. Archivfoto: VorwerkDetektivarbeit: Hubert Looschen hat sich viel Mühe gemacht, die richtigen Telefonnummern herauszufinden. Archivfoto: Vorwerk

Begonnen hat der Garreler seine Anrufe jedes Mal mit einem Lied. Zu seinem Repertoire gehörten „Wie schön, dass du geboren bist“, „Viel Glück und viel Segen“, „Zum Geburtstag viel Glück“ und Udo Jürgens‘ „Mit 66 Jahren“ – Letzteres bekamen natürlich nur die Geburtstagskinder im entsprechenden Alter zu hören. Einmal sei er reingelegt worden, berichtet er schmunzelnd. Die Angerufene habe ihn in seinem Lied unterbrochen und gemeint, dass die Verbindung schlecht wäre. Als er erneut zu singen anfing bemerkte er, dass das Geburtststagskind das Telefon auf laut gestellt hatte, damit ihre Gäste mithören konnten.

Manchem Telefonat ist eine aufwändige Recherche vorausgegangen. Wenn das Telefonbuch nicht mehr weiterhelfe, suche er im Internet und im sozialen Netzwerk Facebook nach der richtigen Nummer beziehungsweise nach weiterführenden Hinweisen. Manchmal schaue er auch im Straßenverzeichnis, wer die Nachbarn sind und frage sich dann durch, so der Diakon. Auch seine Frau Brigitte gebe ihm wertvolle Hinweise, wie er an eine Nummer kommen könne.Da er nun nach einem Jahr die Nummern beisammen habe, werde er künftig pro Tag etwa eine halbe Stunde einsparen können.

Auch im Urlaub ging die Glückwunsch-Mission weiter

Pro Tag saß Looschen etwa zwei Stunden am Telefon. Auch als er zweimal am Auge operiert worden oder im Ostsee-Urlaub war, ging seine Glückwunsch-Mission weiter. Das am weitesten entfernt lebende Geburtstagskind, Ole Rolfes, erreichte er in Indien. Der arbeitsreichste Tag war übrigens der 2. Februar mit 38 Geburtstagskindern. Die wenigsten gebe es an Heiligabend – nämlich nur neun durchschnittlich seien es zwischen 20 und 25 Namen auf seiner Liste gewesen.

Für sein nächstes Jahr als Gratulant will Looschen sein Liedrepertoire erweitern und bekannte Melodien umtexten. Auch wolle er eventuell noch mehr auf die Sorgen und Nöte der Angerufenen eingehen.

Er hoffe nur, dass sich die 6500 Menschen nicht an seinem eigenen Geburtstag mit einem Anruf revanchieren werden, sagt Looschen mit einem Augenzwinkern.

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