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Ein Jahr Corona: Drei Wahlhamburger aus dem OM über Angst und Aufbruch

Gin-Produzent Martin Spieker und Sternekoch Thomas Imbusch aus Friesoythe sowie Restaurantbesitzerin Michaela Rielmann aus Bösel berichten über Lockdown und Gänsehautmomente.

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Am neuen Standort: Kaspar Hagedorn und Martin Spieker (rechts), die Gründer von Knut Hansen und Ron Piet. Foto: Distilling company

Am neuen Standort: Kaspar Hagedorn und Martin Spieker (rechts), die Gründer von Knut Hansen und Ron Piet. Foto: Distilling company

Der Umzug ist noch nicht ganz abgeschlossen. 1.200 Quadratmeter Lager- und Produktionsfläche stehen im modern-rustikalen Industrieflair zur Verfügung. Es gibt einen Shop, Erlebnisdestillerie und im Hafencontainer als Büro werden die Geschäfte gemacht. Gute Geschäfte. „Es läuft und alles ist gesund“, bringt es Martin Spieker auf den Punkt.

Die Panik, die der erste Lockdown verursacht hat, ist schon lange vorbei und der gebürtige Friesoyther stellte sich schnell mit seinem Geschäftspartner Kaspar Hagedorn auf Krise und Herausforderungen ein. 2017 hauchten sie „Knut Hansen“ als Hamburg Distilling Company vollmundiges Leben ein, sind nun im Stadtteil Hamm Norddeutschlands größte Manufaktur für Premium-Spirituosen und gehören bundesweit zu einer der führenden Gin-Marken.

Corona kam auch den Gründern in die Quere. Gastronomie und Fachhandel wurden geschlossen und die Supermärkte „machten mehr Platz für Toilettenpapier und reagierten zurückhaltend“, erinnert sich Spieker. Doch langsam habe sich die Lage entspannt. Das Online-Geschäft zog an, der Handel zog mit, „weil der Gin Tonic zu Hause getrunken wurde“. Auch die Solidarität mit regionalen Marken sei spürbar gewesen.

Freut sich über neue Gäste: Michaela Rielmann.Foto: RielmannFreut sich über neue Gäste: Michaela Rielmann.Foto: Rielmann

Für Zusammenhalt wollten auch Martin Spieker und Kaspar Hagedorn stehen und spendeten Apotheken rund 5.000 Liter Ethanol, aus denen bundesweit in 250 Apotheken Desinfektionsmittel hergestellt wurden. Von der pandemiebedingten Ungewissheit ließen sie sich nicht beirren, Stillstand war keine Option. „Togetherness“ als jährliche Sonderedition mit Botanical-Schätzen aus aller Welt traf den Geschmack.

Die Sonderausgabe 2021 als „Fynbos-Edition“ aus Südafrika ist bereits in Fässern auf dem Weg. Daneben leistet seit dem vergangenen Jahr Papagei „Ron Piet“, ein fassgereifter Premium-Rum, dem Piraten „Knut Hansen“ Gesellschaft. Nicht zuletzt produzierten das Duo und Team zum 75. Geburtstag der Hamburger Wochenzeitung „Die Zeit“ auf Wunsch eine „Zeitreise“ als Jubiläums-Sonderedition. „Das war schon eine besondere Ehre für uns“, betonte Spieker.

„Wir sind noch da“, sagt Michaela Rielmann und kann wieder lachen. Das war ihr vor allem im zweiten Lockdown für einige Wochen vergangen, „weil die Unsicherheit und die Existenzangst zunahmen, und mir die Gäste und das Gewusel einfach sehr fehlten“, gesteht die gebürtige Böselerin. 2017 ging sie im Hamburger Stadtteil Volksdorf mit „Rielmann‘s Waldrestaurant“ in die Selbstständigkeit und führt den idyllisch gelegenen Betrieb gemeinsam mit Lebenspartnerin Mandy.

Kreativ mit der Grundkiste: Thomas Imbusch. Foto: René FindtKreativ mit der Grundkiste: Thomas Imbusch. Foto: René Findt

Und dort hat die mehrfach ausgezeichnete Küchenmeisterin sofort auf die Krise reagiert. „Von heute auf morgen“ gab es eine neue Speisekarte, hochwertige Kunststoffboxen wurden bestellt und „wir haben uns mit einem erfolgreichen Außer-Haus-Verkauf über Wasser gehalten.“ Viele ihrer Gäste sorgten für Gänsehautmomente: „Sie haben uns so viel Mut gemacht, kleine Präsente vorbeigebracht und einige boten sogar finanzielle Unterstützung an, wenn wir sie gebraucht hätten. Da waren wir manches Mal schon sprachlos“, erzählt Michaela Rielmann.

Im Großen und Ganzen seien sie gut durchgekommen, auch die Überbrückungshilfen flossen reibungslos. Und bis auf einen kurzen persönlichen Hänger, „waren wir immer davon überzeugt, dass alles gut wird. Wir haben gute Laune verbreitet, uns an alle Regeln gehalten und uns möglichst auf keine Corona-Diskussionen eingelassen“.

42.000-Teile-Puzzle noch nicht ganz fertig geworden

Heute freut sich die Restaurant-Besitzerin auch über neue Gäste, die durch den Außer-Haus-Verkauf auf sie aufmerksam geworden sind, sowie über die komplette Öffnung. Das 42.000 Teile umfassende Puzzle mit Sehenswürdigkeiten aus aller Welt gehörte zum Zeitvertreib in der Krise. Fertig ist es noch nicht ganz, soll es aber werden. „Und dann schenken wir es unseren treuen Gästen aus der Seniorenresidenz“, kündigt Michaela Rielmann an.

In der Spitzengastronomie angekommen zu sein und dann schließen zu müssen, ohne etwas verbrochen zu haben, „das haben wir zu Beginn als vollkommen ungerecht empfunden“, erinnert sich Sternekoch Thomas Imbusch. Seit 2018 garantiert der gebürtige Friesoyther mit seinem „100/200 kitchen“ ein „fine dining“ in einer offenen Küche, bei dem gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Ohne Speisekarte und mit bestmöglichen Produkten.

Auf die rustikalen Tische an den Hamburger Elbbrücken ist im vergangenen Jahr wenig bis gar nichts gekommen. „Doch als sich die Schockstarre gelöst hatte, wussten wir, dass wir was tun müssen und wollen“, sagt Ehefrau und Sommeliere Sophie Lehmann, die auch das Management und Marketing koordiniert. Aus der Machtlosigkeit sollte etwas Sinnvolles entstehen. Und schnell war die „Grund-Kiste“ gepackt. Ein Konzept, das nicht nur das Restaurant, sondern auch Erzeuger, denen der Verkauf an die Gastronomie fehlte, unterstützen sollte.

Lieferservice wurde zum Lernprozess

Imbusch nahm Fleisch, Fisch, Eier und Gemüse weiterhin ab, stellte eine Kiste zusammen und garnierte den Inhalt mit Rezeptideen für die Zubereitung. Ebenfalls mit dabei hauseigenes Brot und Butter, dazu kam ein fertig gekochtes Gericht zum baldigen Verzehr und eines mit längerer Haltbarkeit. 2 Flaschen Schaumwein rundeten das Angebot mit eigens organisiertem Bringdienst ab. „Ein Lernprozess“, verrät Sophie Lehmann lächelnd. „Bis dahin waren wir ja Gastro und kein Lieferservice.“

Ob das alles noch Sinn ergibt, „haben wir uns einmal kurz gefragt, das aber sofort wieder verworfen“. Jetzt bereitet sich das Paar mit seinem Team auf die Öffnung vor, lässt kleine Umbauten vornehmen und dankt ebenfalls vielen Gästen, die mit Briefen, Gesten und guten Worten Mutmacher waren. „Sehr berührend“, unterstreichen Thomas Imbusch und Sophie Lehmann und verweisen auf eine Warteliste, die sich täglich mehr und mehr füllt. Ihr Blick richtet sich nach vorn und nicht zurück, „und vieles sieht schon wieder sehr gut aus“.

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