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Ein Herz für Tauben

Kolumne: Notizen vom Nachbarn – Eine Taubenfamilie hat das Nest bei Oma und Opa unter dem Dach gebaut. Opa wollte es ihnen gemütlich machen. Das gefiel Oma gar nicht. Da war Streit vorprogrammiert.

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Knapp zwei Monate ist es her, da kam es bei meinen Eltern zu einer echten Machtprobe. Unter dem Dach auf dem Balkon, da wo Oma auf der Erde fein säuberlich ihre Blumentöpfe aufgereiht hat, begann eine Taubenfamilie ihr Nest zu bauen. Keine beringten Edelexemplare, sondern so ein wildes Federvieh, das seinen Dreck ungezogen in jede Ecke legt und in keinster Weise kapiert, dass Omas Töpfe keine Toiletten sind. Die sorgsam angeschleppten Zweige mussten weg – ein klarer Auftrag von Oma – bevor noch mehr fliegendes Unheil den Balkon versaut.

Opa protestierte wild, erinnerte sich an seinen Taubenschlag aus Kriegszeiten und bastelte einen Karton, um es dem Taubenpaar noch gemütlicher zu machen. Dabei stieg er wagemutig mit seinen 90 Jahren auf Kisten, da wir ihm in weiser Voraussicht die Hausleiter bereits versteckt hatten. In Komplizenschaft mit Oma vernichtete ich den Taubenrohbau und wurde von Opa als unmöglich und hartherzig beschimpft. Zwei gegen einen – Oma und ich hatten gesiegt, die Taubenfamilie vertrieben, der Balkon blieb sauber und Opa stinkig.

"Ich könnte mir Gipseier besorgen und sie gegen die echten austauschen."Antonius Schröer

Vor zwei Wochen der Blick auf meinen eigenen Balkon: Dicht hinter der Scheibe, keine zwei Meter von meinem Schreibtisch und Fernseher entfernt, saß ein graues Federvieh im Blumentopf und schaute mich an. Die Balkontür auf, einmal in die Hände geklatscht und zwei weiße Eier blieben im Blumentopf liegen. Mein Foto der Balkoneier in der Familien-Whatsapp-Gruppe wurde von der modernen Jugend gleich mit zwei frischgebratenen Spiegeleiern in einer Bratpfanne kommentiert. Eine Minute später saß meine graue Freundin schon wieder auf den Eiern und blickte mich an. Sollte ich Oma um Rat fragen? Oder besser Opa? Google sagte mir, dass Tauben 16 Tage brüten und mir eine Strafe droht, wenn ich die Eier vernichte. Das Nest hätte ich vorher abbauen dürfen – straffrei wie Oma. Zu spät, es regnete draußen, ich saß im Trockenen, guckte Tatort und die Taubenmutter brütete und brütete vor meinen Augen.

Ich könnte mir Gipseier besorgen und sie gegen die echten austauschen. Dann säße sich die Taube ein halbes Jahr lang das Hinterteil platt, bis sie keine Lust mehr hat. Straffrei, sagt der Tierschutz. Und meine Jungs bekämen ihre Spiegeleier.

Egal, wir haben uns angefreundet. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, fliegt die Flatterfrau hoch und zwei kleine, nackte Täubchen zittern im Nest. Nein, sie bekommen keine Namen von mir. Aber Dreck haben die drei bisher kaum gemacht. Und keine andere Taube hat seit sechzehn Tagen meinen Balkon besucht. Oma und Opa habe ich von meiner neuen Balkonfamilie auf Zeit noch nichts erzählt. Bloß keine alten Wunden aufreißen. Ich habe meine Taube brüten lassen, Opa durfte es nicht – eigentlich unfair. Jetzt, wo auch mir die grauen Haare wachsen, werden Opa und ich uns womöglich doch ähnlicher? Werde ich in 30 Jahren auch den so nötigen Rollator verfluchen, verweigern und Tauben lieben? Ich mach mir langsam etwas Sorgen.


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser. Er verkörpert das Vechtaer Original "Straßenfeger".
  • Den Autor erreichen Sie unter Kontakt redaktion@om-online.de.

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