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Ein Gespräch mit Sankt Bürokratius

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Der Zensus steht vor der Tür. Nach heißen Nächten muss das Gehirn dann ganz schön rattern. Dann kam "Elster", das diebische Internetprogramm.

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Er stand an der Gartenpforte. Irgendwie kam mir der Mann bekannt vor, vielleicht aus einem früheren Lebensabschnitt – ein seltener Heiliger? "Hallo, kann ich Ihnen helfen?" "Nein", kam die postwendende Antwort, "ich mache mir nur ein Bild." Ein Bild, wovon? "Geht es um den Zensus?" – "Ach der, Kinderkram. Das haben Sie sicher längst abgehakt. Mein Name ist übrigens Bürokratius. Ich helfe gerne." Na gut, dachte ich, packen wir den Stier bei den Hörnern: "Bleibt ja nur noch die neue Grundsteuer …" – "Ja, ja, aber da haben meine Leute ja bereits toll vorgearbeitet. Ein paar Klicks im Netz und ab geht die Fahrt."

Holla, dachte ich, und erinnerte mich an die heißen Nächte der letzten Zeit. Versuchen Sie mal mit durchgeglühtem Hirn, den Windungen der Finanzbeamtenschaft zu folgen. Nicht umsonst haben die Damen und Herren ihr Internetprogramm schließlich "Elster" genannt. Drei Aktenordner lagen auf meinem Tisch, aus denen ich mühsam die angeforderten Nummernreihen und Identitätscodes herausbröselte. Dann musste man ein paar Tage auf den Freigabecode warten – und verlor sich anschließend in dem angeblich so einfach gestrickten digitalen Eingabeformular.

Allein die Festlegung einer individuellen Geheimzahl erwies sich als Glücksspiel. Erst nach dem Ausprobieren so ziemlich aller auf der Tastatur vorhandenen Zeichen akzeptierte die Maschine den Code: "Super-sicher" – ich hatte gewonnen. Nun folgte – nein, wir machen hier nicht weiter. Die Redaktion wird die folgenden 50 Zeilen streichen, weil die jungen Burschen sowieso nur denken, "dieser digitale Analphabet!" Und ich schäme mich dafür, früher in der Schule nur Goethe, Latein und das Einmaleins studiert zu haben.

"Versuchen Sie mal mit durchgeglühtem Hirn, den Windungen der Finanzbeamtenschaft zu folgen."Andreas Kathe

Was aber sagt man einem Heiligen? "Natürlich, das haben sie toll gemacht. Ein wenig enttäuscht aber bin ich über das 9-Euro- …" – "Habe ich mir schon gedacht. Wir arbeiten dran. Sie werden sehen: In Kürze werden Sie ein supereinfaches digitales Ticket vorfinden, mit dem sie günstig von A nach B kommen. Sie müssen nur Ihre 39-stellige Geheimzahl …" – "Gut, gut", unterbrach ich ihn: "Da bin ich mal gespannt." Es gibt letztlich ja auch noch wichtigere Themen.

Bevor ich die nächste Frage aussprechen konnte, kam schon die Antwort: "Klar, Sie sind so ein Gas-Junkie und wollen im Winter nicht unbedingt nur mit der Heizdecke schlotternd in ihrer Küche sitzen. Gemach, gemach. Nächste Woche bin ich dabei, wenn Scholz und Lindner mit dem Porsche die Gas-Konzerne abfahren. Denen muss geholfen werden. Bisher ist die Mehrwertsteuersenkung noch nicht mit deren Rechensystemen kompatibel. Aber wir haben völlig neue Rechenschieber entwickelt …" "Oh, das ist schön", unterbrach ich den Redefluss und täuschte ein dringendes Bedürfnis vor. Herr Bürokratius lächelte freundlich und verabschiedete sich.

Die beste Ehefrau von allen hatte von Weitem dem Zwiegespräch beigewohnt, ohne ein Wort verstanden zu haben. "Wer war das?", fragte sie. "Ach nur ein Mann von der Behörde", sagte ich. "Um Himmels Willen, der war doch wohl nicht von der EWE …!"


Zur Person:

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage. Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter: redaktion@om-medien.de.

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