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Ein Blick zurück – leicht verklärt

Kolumne: Batke dichtet – Früher war die Fußball-WM ein Quotengarant. Seitdem haben sich der Fußball und das Umfeld radikal verändert.

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Fan-Artikel als Ladenhüter, Wirte, die in ihren Kneipen keinen Fußball zeigen wollen – und auch keine Werbekarawane, die sich hierzulande vor die Fußball-WM spannt. Nicht mal Beilagen in den Zeitungen. Wenn am Sonntag um 17 Uhr in der Wüstenstadt Al-Khor der Kracher Katar gegen Ecuador angepfiffen wird, dürfte es die ZDF-Liveübertragung schwer haben, sich gegen die Boulevardsendung "Brisant" oder "Julia Leischik – Bitte melde dich" durchzusetzen.

Früher war das ein Quoten-Garant und, ja, früher hat man einer WM entgegengefiebert wie ein Kind der weihnachtlichen Bescherung. Heute zeigen unsere Gefühlssensoren allenfalls Zerrissenheit an. Auch wenn die Stimmung aus den bekannten Gründen stark eingetrübt ist, haben Fußball-Weltmeisterschaften in der Vergangenheit auf mich (und sicher nicht nur auf mich) immer einen besonderen Reiz ausgeübt. Das mag auch damit zusammenhängen, dass deutsche Mannschaften in der Regel bei diesem Turnier der Turniere gut abgeschnitten haben und dementsprechend weite Teile der Bevölkerung mitgenommen, mitunter sogar mitgerissen haben.

In erster Linie aber habe ich mich 4 Jahrzehnte lang beruflich mit ihnen beschäftigt – mal am Redaktionsschreibtisch, mal als Reporter vor Ort, wie etwa beim "Sommermärchen" 2006 in Deutschland und 2010 in Südafrika. Wenn Sie fragen, was mir als das nachhaltigste WM-Erlebnis in Erinnerung geblieben ist, fällt mir spontan die Spanne zwischen dem 24. und 27. Juni 2006 ein.

"Trotz aller Rivalität auf dem Spielfeld durfte man in diesen Wochen an die Völker verbindende Kraft des Sports glauben."Alfons Batke

Das Turnier hatte richtig Fahrt aufgenommen, genau wie ich als rasender Reporter. Am 24. in München beim 2:0 der DFB-Elf gegen Schweden mit dem überragenden Doppel-Torschützen Lukas Podolski, am 25. in Stuttgart beim mühseligen 1:0 der Engländer über Ecuador mit dem erlösenden Tor durch David Beckham, am 26. in Kaiserslautern beim schmeichelhaften 1:0-Elfmetersieg (Nachspielzeit) der Italiener über Australien, am 27. in Dortmund beim souveränen 3:0 Brasiliens über wackere Ghanaer.

Es waren freilich nicht die Spiele an sich, die mich wohlig zurückdenken lassen, sondern die Atmosphäre, in der sie stattfanden. Auch wenn einige Chaoten unterwegs waren, konnte ich mich bei meinem Deutschland-Trip (Ein schöner Zug der Bahn: Wir Journalisten durften in der 1. Klasse mit dem Null-Euro-Ticket nach Belieben durch die Republik cruisen) der besonderen Magie dieser WM nicht entziehen. Trotz aller Rivalität auf dem Spielfeld durfte man in diesen Wochen an die Völker verbindende Kraft des Sports glauben.

Es klang ehrlich, wenn ich von ausländischen Fans beim Zwischenstopp in Mannheim oder bei einer schnellen Currywurst auf dem Kölner Hauptbahnhof zu hören bekam: "Well done, Germans. Great to be here." Und so war der Slogan "Die Welt zu Gast bei Freunden" mehr als eine hohle Phrase.

Das alles ist schon unglaubliche 16 Jahre her, und vielleicht ist mein Blick zurück leicht verklärt. 16 Jahre, in denen sich der Fußball und das Umfeld, in dem er stattfindet, noch einmal radikal verändert haben. Nicht nur im Hinblick auf die skandalumtoste Katar-WM ist vielfach davon die Rede, er habe seine Seele verkauft. Mir fallen kaum Gegenargumente ein.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autoren erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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