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Ein Blick zurück ins Jahr 1920: Die vergessenen Landarbeiter

Ein neues wissenschaftliches Handbuch würdigt die Erfolge und den Einsatz der Heuerlingsbewegung für die Weimarer Republik. Heuerleute gab es in unserer Region sehr viele.

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Das Heuerhaus Schnuck in Ossenbeck bei Damme 1935. Foto: Schnuck

Das Heuerhaus Schnuck in Ossenbeck bei Damme 1935. Foto: Schnuck

Das Heuerlingswesen prägte über 3 Jahrhunderte weite Teile Nordwestdeutschlands. Heuerleute pachteten von einem Bauern ein Haus und ein Stück Land und mussten im Gegenzug auf dessen Hof arbeiten.

Diese Landarbeiter, die gleichzeitig selbständige Landwirte waren, bildeten deutschlandweit eine kleine Gruppe. 1929 wurde ihre Zahl auf ca. 30.000 geschätzt. Im westlichen Niedersachsen und im Münsterland waren sie jedoch über Jahrhunderte hinweg eine nicht gerade kleine Bevölkerungsgruppe, die einen festen Platz als Unterschicht in der ländlichen Gesellschaft einnahm. Im südlichen Kreis Vechta stellten die Heuerleute um 1900 sogar mehr als die Hälfte der Bevölkerung.

Im Fokus der Wissenschaft stehen Heuerleute kaum

Dennoch ist ihre Geschichte von Historikern bisher eher stiefmütterlich behandelt worden. Während das Heuerlingswesen in Ortschroniken und regionalgeschichtlichen Darstellungen immer wieder Erwähnung findet, blieb insbesondere seine Entwicklung im 20. Jahrhundert von der universitären Geschichtswissenschaft bisher weitgehend unbeachtet.

Dies dürfte zum einen damit zu tun haben, dass das Heuerlingswesen nur in Nordwestdeutschland existierte. In anderen Regionen Deutschlands bestimmten entweder Kleinbauern vor oder es gab wie in Ostelbien Landarbeiter ohne eigenen landwirtschaftlichen Betrieb. Zum anderen standen Landarbeiter wesentlich weniger im Fokus der Wissenschaft als Industriearbeiter, die sich mittels der Arbeiterbewegung zu einem nicht unwichtigen Akteur auf der politischen Bühne entwickelten.

Neues Handbuch widmet sich oft übersehenen Aspekten der Geschichte

Nun aber geht ein neues wissenschaftliches Handbuch der Weimarer Republik zumindest kurz auf das Heuerlingswesen ein. Das von Professor Dr. Benjamin Ziemann (Universität Sheffield) und Dr. Nadine Rossol (Universität Essex) herausgegebene Buch erscheint sowohl auf Deutsch als auch in englischer Sprache. Die englische Version erscheint beim renommierten Verlag Oxford University Press.

Das Buch nimmt oft übersehene Aspekte der deutschen Geschichte in der Zeit von 1918 bis 1933 in den Blick. Dazu gehören auch das Schicksal und das politische Verhalten der Landarbeiter, die in dieser Zeit noch immer einen nicht unbedeutenden Teil der Bevölkerung ausmachten. Denn die Weimarer Republik war eben nicht nur das rauschende Nachtleben der Großstadt Berlin, das wir aus der Fernsehserie „Babylon Berlin“ kennen, sondern viele Menschen lebten nach wie vor in der Provinz.

Benjamin Ziemann beschreibt in seinem Beitrag zu Landwirtschaft und ländlicher Gesellschaft die zunehmende Enttäuschung vieler Landarbeiter über ausbleibende Verbesserungen ihrer Lage und die daraus resultierende Radikalisierung, die viele zu Feinden der ersten deutschen Demokratie werden ließ. „Die sozialpolitischen Errungenschaften der Republik blieben für die Landarbeiter im ostelbischen Preußen begrenzt, denn auch die SPD stellte die Interessen der städtischen Arbeiter, die Konsumenten von Lebensmitteln waren, in das Zentrum ihrer Politik“ erläutert Ziemann im Gespräch.

Heuerleute nutzen die Möglichkeiten der Demokratie

Ganz anders verhielt sich die Situation bei den Heuerleuten – eine Ausnahme, die laut Ziemann eine Erwähnung verdient. Die Heuerleute hatten die neuen Möglichkeiten der Demokratie schnell genutzt und nach der Novemberrevolution Interessenvertretungen gebildet, die sich für ihre Belange einsetzen.

Bereits 1920 konnte die Heuerlingsbewegung einen großen Erfolg verbuchen: Der Reichstag erließ ein Pachtschutzgesetz, das die Mindestdauer von Pachtverträgen auf 2 Jahre festlegte. Kurzfristige Kündigungen, die viele Heuerleute in ihrer Existenz bedrohten, wurden untersagt. Damit wurde ein großes Problem gelöst, denn vielen Heuerleuten insbesondere im Osnabrücker Nordland waren die Heuerlingsverträge gekündigt worden, als sie sich weigerten, mit Blick auf die zunehmende Inflation höhere Pachtsummen zu zahlen.

Standhafte Befürworter und Verteidiger der Republik

Etwa 2000 Heuerleute sollen damals vor dem Nichts gestanden haben. Die Verbände der Heuerleute dankten es der Weimarer Republik und blieben bis 1933 „standhafte Befürworter und Verteidiger des republikanischen Staates“, wie Benjamin Ziemann es in seinem Buch formuliert. Der Reichslandbund, der die Interessen der Verpächter vertrat, fand sich hingegen schon früh im Lager der Demokratiefeinde wieder. Insofern handelt es sich bei der Heuerlingsbewegung um eine „Ausnahme und eine Erfolgsgeschichte, die nicht vergessen werden sollte“, so Ziemann.

Die Geschichte der Heuerlingsbewegung erscheint nun in neuem Licht – als eine Gegenerzählung zu Weimar als „Demokratie ohne Demokraten“. Auf diesen Sachverhalt haben auch schon Bernd Robben und Helmut Lensing in ihrem Bestseller „Wenn der Bauer pfeift, dann müssen die Heuerleute kommen“ beschrieben. Nun aber haben die Heuerleute auch Eingang in die universitäre Forschung gefunden – bis nach Oxford.

Autor Ziemann stellt sein Werk am 17. Januar online vor

Benjamin Ziemann hat 1988 während des Studiums beim Historiker Josef Mooser erstmals vom Heuerlingswesen gehört. Hier ist ihm auch die große, aber häufig übersehene Bedeutung der Agrargeschichte für die allgemeine Historie deutlich geworden. „Die Landarbeiter sind, auch schon für die Zeit vor 1918, eine vergessene Klasse. Das liegt generell daran, dass das ostelbische Preußen, wo die Masse der Landarbeiter lebte, aus unserem Geschichtsbild der Weimarer Zeit verschwunden ist“ erläutert Ziemann.

„Bei den Heuerlingen kommt hinzu, dass die Landwirtschaft insgesamt nicht ‚auf dem Schirm‘ ist, wenn wir über Weimar sprechen“. Er hofft, dass dem Heuerlingswesen zukünftig mehr Beachtung geschenkt wird, ist jedoch skeptisch: „Es wird noch länger dauern, bis sich die Einsicht durchsetzt, dass Deutschland nicht nur vor 1914, sondern bis 1945 eine Industriegesellschaft mit starker agrarischer Basis war.“ Das neue Handbuch der Weimarer Republik könnte hierfür einen Grundstein legen.

  • Info: Die Würdigung der Heuerlingsbewegung findet sich im Buch „Aufbruch und Abgründe. Das Handbuch der Weimarer Republik“, herausgegeben von Nadine Rossol und Benjamin Ziemann (Verlag: wbg). Die englische Version „The Oxford Handbook of the Weimar Republic“ ist bei Oxford University Press erschienen.
  • Professor Benjamin Ziemann stellt am 17. Januar (Montag) um 18 Uhr sein Buch im Rahmen der Vortragsreihe der Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek vor. An der Veranstaltung kann ohne Anmeldung online teilgenommen werden über den Zugangslink: https://bitbw.webex.com/meet/wlb

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