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Ein bisschen wie "12 Uhr mittags"

Kolumne: Batke dichtet – Ich habe einige Europameisterschaften miterlebt als Reporter vor Ort. Bei der Euro 1992 in Schweden hatte ich eine Begegnung der besonderen Art.

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Wenn man wie ich gut 4 Jahrzehnte als Sport-Journalist gearbeitet hat, kann man sich auch als Ruheständler, der nicht mehr im Mahlstrom der täglichen Zeitungsproduktion steht, dem Geschehen der Europameisterschaft kaum entziehen. So saß ich da auf dem heimischen Sofa und sah mir an, wie die deutsche 11 gegen Ungarn munter vor sich hin dilettierte. Und überlegte mir – ganz alter Zeitungsmann, der ich noch bin – so ab der 80. Minute schon mal eine knackige Überschrift für das sich anbahnende Ausscheiden. Irgendwie hatte ich mich schon auf „Und Jogi ging zum Regenbogen“ eingeschossen, als dieser Goretzka kam – Sie wissen schon, 2:2, „London calling“.

Ich habe einige Europameisterschaften miterlebt als Reporter vor Ort – auch jene, die wohl im krassesten Gegensatz zum gegenwärtigen paneuropäischen Reisezirkus steht: die Euro 1992 in Schweden. Der Teilnehmerkreis übersichtlich, 8 Teams hatten sich für das 16-tägige Turnier, das in den Städten Göteborg, Stockholm, Malmö und Norrköping ausgetragen wurde, qualifiziert. Verglichen mit der gegenwärtigen Mammut-Veranstaltung eine EM in der Puppenstube.

Dementsprechend verhielt es sich mit meinem persönlichen Ambiente. Mein Camp war eine lauschige Waldhütte in der Nähe von Linköping, die ich mit dem Kollegen Heinz Fricke vom Bremer „Weser-Kurier“ teilte. Eines Morgens – ich saß auf der Terrasse und schrieb meine tägliche Kolumne, Heinz war zum Einkaufen ins Dorf gefahren – hatte ich eine Begegnung der besonderen Art. Nur wenige Meter von meinem provisorischen Arbeitstisch entfernt hatte sich ein Elch aufgebaut. Kein Elchchen, sondern ein Schrank von einem Elch, ein echter Kaventsmann, wenn Sie verstehen.

"Für die Jüngeren sei erwähnt, dass es damals noch keine Handys mit Kameras gab – es gab zwar schon welche, aber die waren schwer wie Briketts"Alfons Batke

Natürlich hatte ich davon gehört, dass es in Schweden Vertreter dieser größten Hirschart gibt; ja, dass sie gar ein Stück landestypischer Folklore darstellen.

Aber Theorie und Praxis liegen oft weit auseinander. Zumal ich auch nicht wusste, in welchem Gemütszustand sich mein Gegenüber gerade befand. War er nur auf einer Inspektionsrunde unterwegs? Hatte er eine unruhige Nacht hinter sich? Litt er womöglich unter Liebeskummer? Hatte er eine Abneigung gegen Deutsche?

Alles Fragen, die ich aus dem Stegreif nicht beantworten konnte, als wir uns an diesem schwedischen Frühsommermorgen gegenüberstanden wie Gary Cooper und Ian McDonald im Western-Klassiker "12 Uhr mittags". Wer zuckt, hat verloren, dachte ich, und hielt dem starren Blick des mindestens 1,80 m großen und mit einem mächtigen Geweih ausgestatteten XXL-Exemplars stand. Nach gefühlt 5 Minuten war die aus meiner Sicht dramatische Pokerpartie beendet, Freund Elch hatte genug gesehen und verschwand mit gelangweiltem Blick im Unterholz.

Für die Jüngeren sei erwähnt, dass es damals noch keine Handys mit Kameras gab – es gab zwar schon welche, aber die waren schwer wie Briketts. Und knipsen konnte man schon gar nicht damit. Also fehlt auch ein Elchi-Selfie, das dieses Rendezvous dokumentiert. Vielleicht hätte ich mich im Wissen darum, dass sich Elche eher vegan ernähren, etwas mutiger verhalten. Aber damals wusste ich es nicht, und das dürfte mein eher defensives Verhalten erklären.

Als meine Geschichte im Kollegenkreis die Runde machte, hatte ich schnell meinen Namen weg: Der mit dem Elch tanzt ...


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine 40-jährige journalistische Laufbahn zurück. Der Autor lebt als freier Ruheständler in Lohne.

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