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"Du, sag doch mal ehrlich, was soll denn der ganze Quatsch?"

Kolumne: Als Lokale noch öffneten: Im "Briefkasten" in Cloppenburg haben 1962 alle Heiligen dieser Stadt eine neue Heimat gefunden. Wer erinnert sich nicht an das Lokal von Wirt Felix Viegener?

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Genau 60 Jahre ist es her, dass in Cloppenburg ein neues Lokal eröffnete. Damals wurden ja noch Lokale eröffnet. Heute schließen sie ja nur. Jedenfalls fand die Dortmunder Union Brauerei, die über das Lokal entschied, einen Wirt, der bereit war, nach Cloppenburg zu ziehen und Gastronom werden wollte. Sein Name: Felix Viegener. Das Lokal „Briefkasten“, sinnigerweise direkt neben der Post.

Heute blättert der Lack von der Werbetafel. Der einstige Treffpunkt ist vergangen. Jetzt ringen Pächter und Eigentümer vor Gericht um die Zukunft der Räume und den Bestand. Aber auch das wird bald vorbei sein. Was dann noch bleibt, ist das Schild, das hier zur Erinnerung an „Felix“ an der Hauswand hängt, an den Mann mit der Schiebermütze und dem großen Verstand.

An Allerheiligen im gesegneten Jahr 1962 eröffnete also der Briefkasten mit einem neuen Wirt. Und wirklich alle Heiligen dieser Stadt und mit ihnen alle Sünder hatten eine neue Heimat gefunden. Zuallererst die Schüler und Studenten und gleich mit ihnen das Bürgertum.

Sag doch mal ehrlich, was soll denn der ganze Quatsch?

Honoratioren und Halbintellektuelle, Trinker und Traumtänzer, Wichtigtuer und Waghalsige, Philister und Philanthropen, Revolutionäre und Reformer, Liebesleid und Liebesfreud, Doppelkopf und Skat zu Dritt, Handball, Fußball, Kopfball. Und Felix mittendrin: „Du, sag doch mal ehrlich, was soll denn der ganze Quatsch?“

Als Schüler diskutierte man heftig über Gott und die Welt und fühlte sich ebenbürtig mit dem Lehrer, der an der Theke nichts anderes tat. Und später als Studenten kehrten sie zurück, an die Stätte eines Teils der Heimat, mit dem Gefühl, Wurzeln zu haben. Das Dortmunder Union Pils förderte die Freude und den Spaß.

Wo waren noch die Toiletten? Entlang des schwarzen kunststoffbeschichteten Treppenlaufs ging es dann die Stufen steil herunter in den sanitären Bereich. Das erforderte nach reichlich Dortmunder Union Pils schon den ganzen Mann. Entlang von Ansichtskarten treuer Trinker aus der ganzen Welt, geheftet an der Wand zum Klo, flugs hinein in die Enge schmaler Aborte. Endlich Befreiung. Dann zurück den beschwerlichen Weg steil nach oben ins pralle Leben.

"Papa Nieten, Oberstudienrat am Gymnasium, orderte das Pils stets nach der Taschenuhr."Otto Höffmann

Gottlob herrschte draußen Trockenheit. Denn bei sturzflutartigem Regen verwandelten sich die sanitären Anlagen des Briefkastens in Nasszellen, die ihrem Namen wirklich alle Ehre machten. Knöchelhoch stand dann das Wasser im Keller, und Felix watete gummistiefelbewaffnet fluchend durch den Flur, um wenigstens die Kegelbahn vor bleibenden Schäden zu bewahren. Oben vorne rechts der Stammtisch mit Kulturpapst Hermann Bitter, silberhaarig wie aus dem Bilderbuch der Feuerzangenbowle, mit wichtig-wachem Blick aufs Weltgeschehen.

Papa Nieten, Oberstudienrat am Gymnasium, orderte das Pils stets nach der Taschenuhr. Alle 5 Minuten ein frisches bitte. Es gab nur kleine Pils und kleine Pils waren 0,2. Felix zapfte und zapfte, begrüßte den einen, verabschiedete den anderen und war doch für alle die Mutter, der Vater, war eins.

„Wo soll das noch hinführen, sag mal selbst“, meinte er dann, und er hatte ja so Recht: Wo sollte es um Himmels Willen noch alles hinführen? Und natürlich wie immer. „Was soll der ganze Quatsch?“ Und man erwiderte im Brustton der Überzeugung „Ja, was soll eigentlich der ganze Quatsch, was denn?“

Dann kamen und spielten die Quaktown Rhythm Kings

Mit Felix, mit seinem Briefkasten untrennbar verbunden, ist der Jazz, sind die Jazzabende. Alles begann, wie stets im Leben, per Zufall. Eines Abends betreten ein paar mitteljunge Herren den Briefkasten und ordern fünf Dortmunder Union. Felix, mit untrüglichem Auge für fremde und interessante Personen, kommt mit ihnen ins Gespräch und erfährt, es handelt sich um eine Jazzband, nämlich die Quaktown Rhythm Kings, eben aus Quaktown, also aus Quakenbrück.

Sie sind auf dem Rückweg von Hamburg, wo sie einen Auftritt hatten. Kurz gefragt, warum nicht hier, warum nicht einmal im Briefkasten spielen. Ja, warum eigentlich nicht? Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, der Beginn regelmäßiger Jazzabende im Briefkasten, später erfolgreich fortgesetzt von den Hot Jazz Stompers.

Felix verabschiedete seine Gäste stets mit „Mach's gut, mein Junge. Die Gesundheit ist das Wichtigste“ oder „Mach's gut, mein Mädchen. Die Gesundheit ist das wichtigste.“ Und so war es auch die Gesundheit, die ihn 1980 zwang, den Zapfhahn endgültig aus der Hand zu legen. Die Gesundheit, die Kosten, der Stress: Es war nun wirklich gut gewesen. Ein letztes Dortmunder Pils, und eine Ära war um.

Wirt Felix wurde zum Gastronomen des Jahrhunderts ernannt

Er arbeite dann noch fast 10 Jahre lang an der Pforte des St.-Josefs-Hospitals und radelte mit Parka, Plastiktüte und Baskenmütze durch die Stadt, fuhr hierhin und dorthin und zwang das Weltgeschehen in die Knie kurzer und prägnanter Worte und war doch immer wieder nur er selbst.

Zur Jahrtausendwende ernannten die Wirtinnen und Wirte aus Cloppenburg Stadt und Land ihn zum Gastronomen des Jahrhunderts. Auf einer großen Fest-Gala im Museumsdorf ehrten mehrere hundert Persönlichkeiten aus allen Bereichen den kleinen großen Mann und verbeugten sich vor ihm. 4 Tage nach dieser Ehrung starb Felix Viegener überraschend. Mit ihm ging ein halbes Jahrhundert Cloppenburger Wirtshausgeschichte zu Ende.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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