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Dorfdisko zapft nur symbolisch an: Eröffnung im Museumsdorf verschoben

Die zuvor zerschnittene Disko "Sonnenstein" aus Harpstedt steht nun fertig dekoriert in Cloppenburg. Die Tanzfläche bleibt dennoch gesperrt. Stattdessen gibt's eine Führung und den Film exklusiv hier.

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Zapfen nur zum Schein: Laura Pigge (28) in der Dorfdisko. Foto: Kreke

Zapfen nur zum Schein: Laura Pigge (28) in der Dorfdisko. Foto: Kreke

Die glitzernde Disko-Kugel dreht sich, an der Kasse klebt im Schummerlicht ein zerfledderter Zettel mit den alten Preisen: Ein Bier (0,33 l) für zwei Mark, ein Schnaps nur die Hälfte. Wer die weiße Bezahlkarte im „Sonnenstein“ vorzeigte, durfte Alkohol ohne Grenze ordern, bei „Rot“ war Vorsicht geboten, weil der (junge) Gast nur dank einer (älteren) Begleitung in den dörflichen Tanzschuppen hineingekommen war.

Die Party könnte jetzt eigentlich beginnen: Die Gäste sind erwachsen geworden, der Laden steht wieder. In der originalgetreu aufgebauten Kult-Disko aus Harpstedt hat Laura Pigge (28), die Projektleiterin des Museumsdorfs, Tausende von Gläsern mitgespült, von Hand wie damals. Ein Sammelsurium aus Deko und Nippes aus Hunderten von Umzugskartons, die nummeriert in den Lagern ruhten, hat seinen angestammten Platz zurückerhalten – sogar die zerknitterte Zigarettenschachtel, die vor zwei Jahren exakt so beim Abbau auf der Theke lag.  

 "Disko-Mix" aus Qualm und Alkohol riecht heute noch

Beim Einräumen ist der Kulturwissenschaftlerin ein spezieller Duft in die Nase gestiegen: der „Disko-Mix“ aus Tabak-Teer, Tanzschweiß und abgestandenem Bier. „Den Geruch werde ich nie mehr vergessen“, sagt die Volontärin. Disko forever.

Die letzten Kleinigkeiten an der Musik- und Lichttechnik ordnet gerade Helmut Wilken, der ungekrönte „König“ der Disko-Raupe, die sonst auf der Dorfkirmes des Museums ihre Runden dreht. Spätestens im April könnten die neuen Subwoofer die Fußsohlen der Tänzer massieren. „Wir haben die alte Anlage ergänzt, damit wir die Lautstärke senken können“, erklärt Pigge den Stilbruch. Die „Butt­kicker“ (zu Deutsch: „Arschtreter“) signalisieren brodelnde Dynamik, ohne die Nachbarn mit Dezibel-Zuwachs zu nerven. „Wir haben nachgemessen“, schwört Pigge: „Draußen ist es erstaunlich leise.“ So wird‘s auch drinnen vorerst bleiben.

„Man spürt: Hier drinnen wurde gelebt.“Laura Pigge, Kulturwissenschaftlerin

Denn mit der im April geplanten Öffnung rechnet im Moment niemand. Die Exklusiv-Führung mit OM online soll die Wartezeit zumindest gefühlt verkürzen. Erster Eindruck: Der Besuch gleicht einer Zeitreise, zurück in die 70er und 80er, als die Theke noch als zweites Männer-Zuhause galt. „Man spürt: Hier drinnen wurde gelebt“, sagt Pigge. Sinn- und Witzsprüche auf hölzernen Herzchen pflastern den Baldachin überm Zapfhahn.

Die Dschungel-Design-Polster der verchromten Barhocker sind einseitig abgewetzt: Offenbar stiegen die meist Jeans-behosten Gäste bevorzugt rechtsherum auf und ab. Denn da lag der Aus- und Eingang zum Bistro. Bier oder Barcardi machten hungrig: „Bockwurst oder Frikadelle mit Kartoffelsalat: 2,50“ verheißt die gemalte Imbiss-Werbung, in D-Mark, versteht sich. Im Schein einer roten Straßenlaterne dämmert neben der DJ-Kanzel „unsere schlüpfrige Ecke“ (Pigge). Ein Wandmaler hat sich an einer entblößten Schönheit versucht, die auf einem roten US-Straßenkreuzer räkelt, vermutlich einem Ca dillac Eldorado Cabrio.

Mit solchen Männerfantasien spielte die Inhaberin Gunda Sengstake von 1973 bis 2008  gekonnt und sittsam. Die Disko-Queen war bekannt für ihre exotischen Outfits – „ein richtiger Paradiesvogel im positiven Sinn“, sagt Pigge. Typische Disko-Anmache musste die  Blondine nicht fürchten, selbst wenn sie in die knappen Leder-Pants schlüpfte oder die Abba-Stiefel im Glitzer-Look mit Plateau-Sohle hoch schnürte. Ihr Ehemann und Partner Klaus Sengstake hatte ein wachsames Auge aufs männliche Publikum.

Männerfantasie neben DJ-Kanzel: Der Künstler“ hatte offenbar ein geschultes Auge für US-Autos. Foto: KrekeMännerfantasie neben DJ-Kanzel: Der „Künstler“ hatte offenbar ein geschultes Auge für US-Autos. Foto: Kreke

Ex-Chefin schenkt Museum ihre "Abba-Stiefel"

Ihre Glamour-Outfits hat die Inhaberin inzwischen dem Museumsteam geschenkt und ist auch sonst großzügig. „Wir können immer fragen“, sagt die junge Wissenschaftlerin. Das erleichtert die museale Einordnung der etappenweise umgebauten und ergänzten Disko, die im Kern aus einer alten Scheune wuchs. So ergatterten die Sengstakes in den 80er-Jahren die unterleuchtete Tanzfläche, als John Travolta im „Saturday Night Fever“ über die Kino-Leinwand wirbelte, von einem Konkurrenten, der aufgab. „Das war damals schon ein Meilenstein“, sagt Pigge. Denn das Film-Detail galt als topaktuell.

Dennoch führte sich der „Stein“, wie die Fans den Laden nannte, nie als „Hochglanz-Disko“ auf. „Es sollte heimelig sein“, sagt die Projektleiterin. Und niemand, der mal im jugendlichen Überschwang ein Bier umstieß, musste mehr als einen nassen Lappen fürchten. Was die Gäste damals erlebt haben, könnte eine Fundgrube der Freizeit-Kulturgeschichte werden. „Wir hoffen sehr, dass Leute kommen, die ihre Storys erzählen“, sagt die Wissenschaftlerin:  „Sie können sich mit den Objekten identifizieren. Das ist total spannend.“

Restarbeit außen: Nur ein bisschen Pflaster fehlt noch.Restarbeit außen: Nur ein bisschen Pflaster fehlt noch.

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