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Diese drei "Brandbeschleuniger" machen Kirche das Leben schwer

Gästebuch: 25 Prozent weniger Besucher gehen in die Kirche in Cloppenburg. Solche Horrorzahlen in Südoldenburg wollen erklärt werden.

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25 Prozent weniger Kirchenbesucher in den Kirchen der Kreisstadt, heißt es amtlich. Solche Horrorzahlen in Südoldenburg wollen erklärt werden. Um das gleich am Anfang ein für allemal klarzustellen: An der Institution Kirche oder wie es heute heißt: an Kirche liegt es nicht. "Dat is jao klaor", sagte Emken Bernd einst. Und da sind sich auch die kirchlichen Würdenträger so was von einig. Aber woran um Gottes Willen liegt's dann?

Der St.-Andreas-Dechant nennt als erste Ursache die "Energiekrise". Ja, die gibt es. Und sie wird vielleicht in den nächsten Wochen noch schlimmer. Da darf man nicht überrascht sein, wenn die Menschen zu Hause bleiben, bevor sie sich im Gotteshaus die Influenza holen. Aber was kann Kirche (ohne Artikel!) dafür, dass Putin den Gashahn zudreht und einen Energiekrieg gegen uns führt? Nichts kann Kirche dafür. Also keinen Schuldigen, jedenfalls nicht Kirche.

Der Pastor nennt als weitere Ursache für den Schwund die "Corona-Krise". Ja, die gibt es, wenn auch hoffentlich im Abklingbecken. Viele Menschen sind natürlich zu Hause geblieben, um sich zu schützen. Und zeitweise war es ja sogar verboten, in die Kirche zu gehen. Aber was kann Kirche dafür, dass eine Pandemie ausbricht? Wenn man was zu sagen gehabt hätte, hätte man das sicherlich verboten. Sozusagen auf einen Wink Gottes. Aber war ja nicht so. Also wieder keinen, den man verantwortlich machen kann.

Als dritte Ursache nennt der Kirchenführer die "Missbrauchsskandale in den katholischen Kirchen". Die Missbrauchsskandale also. Aber das waren doch Einzelfälle. Da hat der eine oder andere Kirchenmann die Beherrschung verloren und ist vom Pfad der Tugend abgewichen. Kann vorkommen, soll nicht, aber kann. Doch die weitaus große Zahl der Brüder in Christi hält sich an die Regeln. Was also kann Kirche (ohne Artikel!) dafür, dass ein Einzelner versagt? Sind wir hier in Sippenhaft? Wir kehren doch schon mit eisenhartem Besen, unabhängig davon, wer auf der Strecke bleibt, gerecht oder ungerecht. Also wieder keiner haftbar zu machen.

"Wie schon damals birgt nämlich nur ein radikaler Wandel im Umgang und in den Strukturen die Chance auf Erneuerung und hoffentlich dann auch auf höhere Besucherzahlen."Otto Höffmann

Da könnte sich ein Bernd Strickmann als oberster Cloppenburger Kirchenmann schon die angegrauten Haare raufen. Diese drei Ursachen oder wie er sie nennt: Die drei "Brandbeschleuniger" machen Kirche das Leben schwer. Aber wer wirft den ersten Stein, wo doch keiner persönlich in Anspruch genommen werden kann? Und woher kommt der Brand, der beschleunigt wird?

Möglicherweise hat das ja was mit den Strukturen von Kirche zu tun. Unsere hiesigen Missbrauchstäter in der Soutane waren nicht nur Einzeltäter, die mehr oder minder persönliche Schuld auf sich geladen haben. Sie sind und waren auch Teile eines Systems, welches ein solches Fehlverhalten gefördert, geduldet und ermöglicht hat. Dafür verlangen viele ein Eingeständnis und danach eine Entschuldigung. Ein Mea culpa oder besser: Mea maxima culpa für die Unterdrückung von Gefühlen und Sexualität, für das lebenslange schlechte Gewissen, das sie uns eingebrockt haben, für das ständige Schuldigfühlen, für die Glatze, die dem Vater als Messdiener durch Pfarrer Sommer geschoren wurde, für die Prügelstrafe in der Jugendburg St. Michael. Die dafür Verantwortlichen waren Sünder gegen die Nächstenliebe. Sie oder ihre Nachfolger müssten um Verzeihung bitten. Wir waren die Opfer. Normale einfache, stinknormale alltägliche Opfer, keine Missbrauchsopfer. Nichts Besonderes.

Gemeint ist nicht, dass die im Pfarrheim St. Augustinus aufgehängten Bilder vom "Mief und Muff der 70er Jahre" künden und endlich abgehängt werden müssten, wie der Kirchenvertreter Ludger Heuer jetzt als Erstes beisteuert. Das wäre doch eine Maßnahme.

Ein Anfang und ein frischer Wind dazu, meint der Doktor. Aber wie schon einst bei dem "Muff von tausend Jahren unter den Talaren" werden Bildertausch und Ausschütteln der Soutanen nicht reichen. Man muss sich stellen, im Büßerhemd. Wie schon damals birgt nämlich nur ein radikaler Wandel im Umgang und in den Strukturen die Chance auf Erneuerung und hoffentlich dann auch auf höhere Besucherzahlen.


Zur Person:

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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