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Die Zeit zwischen den Jahren

Kolumne: Die Generation Z zeigt's Ihnen – Wir haben zu viel zu viel tun und viel zu wenig Zeit. Dieses altbekannte Problem gibt es sogar dann, wenn eigentlich Besinnung angesagt ist.

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„Markt und Straßen stehen verlassen, still erleuchtet jedes Haus …“ Zu Zeiten von Joseph von Eichendorff war wahrscheinlich allgemein noch wenig los auf den Straßen. Aber der alte Romantiker hat schon Recht: In der Weihnachtszeit sind die Straßen oftmals wie leergefegt. Wir sind in dieser mysteriösen Zeit „zwischen den Jahren“: Viele haben Urlaub, keine Termine stehen an, es ist irgendwas zwischen Glühwein und Fressgelagen. Eine Zeit der Besinnung – so sagt man zumindest.

Und Besinnung haben wir doch alle mal wieder dringend nötig. Zuverlässigkeit, Ordnung und Pünktlichkeit sind die deutschen Tugenden, Stress gehört anscheinend dazu. „Es gibt in unserer Kultur eine unglaubliche Fetischisierung von Gehetztheit. Man ist sehr stolz darauf, wenig Zeit zu haben.“ Hans Rusinek, Autor und Verfasser dieser Zeilen, meint, wir haben den adäquaten Umgang mit Zeit in der Arbeitswelt noch nicht gelernt.

„Für einen gesunden Umgang mit Zeit scheinen wir offenbar keine Zeit zu haben.“Fenja Hahn

Das hat Folgen, sagt eine Studie der Techniker Krankenkasse: Das Stresslevel deutscher Arbeitnehmer nehme kontinuierlich zu, trotz Lockdowns habe sich der Stress in der Corona-Pandemie nur noch verstärkt. Stressfaktor Nummer eins sei die Arbeit, direkt danach komme der hohe Anspruch an sich selbst. Erschöpfung, Schlafprobleme und Kopfschmerzen resultieren daraus, am Ende steht der Burnout. Für einen gesunden Umgang mit Zeit scheinen wir offenbar keine Zeit zu haben.

Stattdessen herrscht Konkurrenzkampf, Autor und Liedermacher Marc-Uwe Kling (der mit dem Känguru) singt ganz passend: „Manchmal gehe ich brunchen mit meiner Freundin Esther, dann spielen wir unser Lieblingsspiel, es heißt ‚Wer ist gestresster?‘“ Auch Autorin Teresa Bücker findet: „Beschäftigt sein ist ein Statussymbol.“ Ihrer Meinung nach gewinnt Esther, weil Zeitnot auch eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit ist. Frauen, Alleinerziehende und Pflegende hätten besonders wenig Zeit.

„So oder so sollten wir stolz darauf sein, mal absolut gar nichts vorzuhaben.“Fenja Hahn

Schon mal etwas von „Mental Load“ gehört? Das ist die nie endende To-do-Liste in unseren Köpfen, meist in den von Frauen, die den Familienalltag organisieren. Allein, der Gedanke, sich um alles kümmern zu müssen, stresst doch schon. Das ach-so-besinnliche Weihnachtsfest ist dabei nicht ausgenommen, denn irgendwoher müssen die ganzen Geschenke ja kommen. Und am Ende kriegen Christkind, Weihnachtsmann & Co. den Dank dafür. 

Und nun? Wie schaffen wir es, uns trotzdem zu besinnen? Schließlich wartet nach den Feiertagen die lange Liste mit all den Dingen, die wir schon längst erledigt haben wollten – keine Zeit für Entschleunigung. Achtsamkeit lautet die Lösung, sagt das Internet. Weniger ist also mehr: Vielleicht darf es an Silvester nur das 3-Gänge-Menü sein. So oder so sollten wir stolz darauf sein, mal absolut gar nichts vorzuhaben. Dann vergeht die Zeit zwischen den Jahren eventuell ein wenig langsamer und wir starten entspannt in 2023.


Zur Person:

  • Fenja Hahn ist Volontärin der OM-Medien.
  • Die Autorin erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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