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Die wundersame Welt der Entschuldigung

Kolumne: Batke dichtet – Entschuldigt wird sich sekündlich, millionenfach. Ob es immer ernst gemeint ist, lassen wir mal dahingestellt.

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Haben Sie sich heute schon entschuldigt? Vielleicht, weil Sie gerade so sehr in einen Zeitungsartikel vertieft sind, dass Sie den Rest der Frühstücksgesellschaft gar nicht wahrnehmen? Halten Sie kurz inne, senken das Blatt und werfen ein „Pardon, wie unaufmerksam von mir“ in die Runde und fragen – zum Beispiel – höflich: „Kann ich noch Kaffee nachschenken?“ Schafft ein angenehmes Binnenklima und könnte richtungsweisend für den Tag werden.

Reden wir also über die Entschuldigung an sich. In einer Definition heißt es: „Mit der Bitte um Entschuldigung gesteht jemand ein, dass eine Handlung, Duldung oder Unterlassung von ihm ein Fehler war.“ Entschuldigt wird sich sekündlich, millionenfach. Ob es immer ernst gemeint ist, lassen wir mal dahingestellt. Wenn jemand verspätet ins Büro oder an die Werkbank kommt und murmelt „Tschuldigung, die A 1 war dicht“, dann ist das zumeist nicht die Erkenntnis, selbst die Lage falsch eingeschätzt zu haben, sondern ein Verweis auf äußere Umstände: Nicht ich war schuld, sondern die vielen Autos und die blöde Baustelle.

Originell fiel seinerzeit die „Excusa“ des Ex-Königs Juan Carlos aus. Der war während seiner Regentschaft nicht nur Ehrenpräsident der Umwelt- und Tierschutz-Organisation WWF in Spanien, sondern auch, wie enttarnt wurde, leidenschaftlich gern auf Elefantenjagd. Einsicht in sein wenig royales Fehlverhalten hatte er wohl nicht, als er formulierte: „Ich habe mich geirrt.“ Seit 2014 ist der Bourbone nicht mehr Regent Spaniens, er musste abdanken und – noch ein „Irrtum“ – im Zuge einer Korruptionsaffäre hat er sich sicherheitshalber nach Saudi-Arabien abgesetzt. Dort muss man sich auch nicht so oft entschuldigen.

"Als herzzerreißend habe ich die Entschuldigungsshow der Golflegende Tiger Woods in Erinnerung, der offensichtlich nicht nur auf dem Grün ein begnadeter Putter war." Alfons Batke 

Als herzzerreißend habe ich die Entschuldigungsshow der Golflegende Tiger Woods in Erinnerung, der offensichtlich nicht nur auf dem Grün ein begnadeter Putter war. In einer Pressekonferenz, auf der keine Fragen zugelassen waren, räumte er seine zahlreichen Fehltritte ein, bat tränenreich um Vergebung und ging weiter – fremd.

Gerade im komplizierten Geflecht persönlicher Beziehungen mag es manchmal hilfreich sein, mit musikalischer Unterstützung um Nachsicht zu bitten. Bedienen kann man sich etwa aus einer Liste von 55 Songs, in der das Thema Entschuldigung eine zentrale Rolle spielt. Legt man Elton Johns „Sorry seems to be the hardest word“ auf, lässt „Hard so say I'm sorry“ von Chicago folgen und krönt das Ganze auch noch mit Bryan Adams' „Please forgive me“, öffnen sich die Schleusen der Vergebung von allein.

Ein interessantes Phänomen der „Tut-mir-leid-Kultur“ lässt sich in der Sportart Tischtennis beobachten. Da ist die Entschuldigung ein ungeschriebenes Gesetz – für den Fall, wenn der Ball via Netzroller fies in die Hälfte des Gegners hüpft oder von der Tischkante unerreichbar zu Boden plumpst. Oft gibt es theatralische Gesten der Entschuldigung, und je lauter das „Pardon“, „Sorry“ oder „Verzeihung“ ausfällt, desto weniger tut es dem Aufschreienden wirklich leid.

Belassen wir es bei diesem kleinen Streifzug durch die wundersame Welt der Entschuldigung. Sollte ich Sie mit den verflossenen Zeilen gelangweilt haben oder womöglich gar den Frühstücksfrieden gestört haben, möchte ich mich dafür entschuldigen. Aufrichtig. Ein einfaches „Scusi“ müssen Sie da nicht gelten lassen.


Zur Person:

  • Alfons Batke (65) blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück. Er lebt in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an die Adresse redaktion@om-medien.de.

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