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Die Vergessenen der Pandemie

Meine Woche: Nicht nur die Ärzte machen coronabedingt Überstunden – auch andere Helfer stehen tagtäglich direkt an der Virusfront.

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Man ist versucht, sie als die Vergessenen der Pandemie zu bezeichnen. Man sieht sie in unserer Corona-Bananenrepublik nicht, man hört sie auch nicht. Nein, diese Menschen stehen nicht auf den Intensivstationen ihre Frau oder ihren Mann, nein, sie betreuen keine Menschen in Pflege- und Altenheimen, nein, sie sind auch nicht ärztlich tätig. Und doch stehen diese Helfer tagtäglich direkt an der Virusfront, setzen sich Gefahren aus, die andere Gruppen in unserem Land durch Homeoffice und andere Isolierungsmaßnahmen zu umgehen wissen. Die medizinischen Fachangestellten, vor allem in den Hausarztpraxen dieser Republik, die gerade das stabile Gerüst in der Coroa-Impfversorgung bilden, sind für mich die "stillen Stars".

Nicht nur die medial stets präsenten Ärzte gehen zeitlich und körperlich an Grenzen. Diese Republik vergisst das medizinische "Backoffice". Die Praxismitarbeiter sind die ersten Prellböcke für die Unzufriedenheit der Menschen, die in der Corona-Pandemie einem überbordenden, nichts mehr mit einer Lebenswirklichkeit gemein habenden Gesundheitsbürokratismus begegnen. Impftermine? Erst im kommenden Jahr! Aus Gründen, die niemand in den Praxen zu vertreten hat. Das Versagen der Politik und der höchsten ministerialen Verwaltungsapparate in Berlin oder auch in den Landeshauptstädten erleben die Praxismitarbeiter tagtäglich. Und: Mehrarbeit wird vorausgesetzt.

"Gibt es eigentlich Lobbyarbeit der Ärzte für ihr Personal?"Roland Kühn

Selbst die Organisationen der Ärzte – deutlich wurde das an den Direktiven der kassenärztlichen Vereinigungen in Bezug auf tägliche Testungen der Mitarbeiter in den Praxen – schätzen die Lage vor Ort offensichtlich völlig falsch ein. Schon so abgehoben? Hätten wir doch die Praktiker gefragt! Aber klar – es geht ja auch nicht um die Ärzte und ihr Wohlbefinden. Gibt es eigentlich Lobbyarbeit der Ärzte für ihr Personal?

Berichte aus den Hausarztpraxen sprechen von Verärgerung, unendlichen Diskussionen, Vorwürfen und Streit. Corona hat spürbar die Stimmung der Patienten verschlechtert. Wie begegnet man jemandem, der gerade seinem Unmut darüber Luft macht, dass es erst im nächsten Jahr mit der Corona-Impfung klappt? Man bleibt freundlich, weil es anders im menschlichen Umgang nicht geht.

Wie das Personal müssen auch wir Patienten achtsam bleiben, denn vor uns steht ein Mensch, der in unwirklicher Zeit seinen Dienst übererfüllt – für uns! Und wenn gerade von einem hohen Mindestlohn für medizinisches Personal die Rede ist, die neue Regierungskoalition Sonderprämien an Pflegekräfte zahlen will, dann muss Gesellschaft auch an die Mitarbeiter in den Praxen denken. Nur das ist gerecht.

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