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Die Staatsanwaltschaft hatte maßlos untertrieben

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – 4 Jahre lang hatte eine 23-Jährige häusliche Gewalt ertragen. Die Strafe für den Täter müsste eigentlich klar sein - eigentlich.

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4 Jahre lang hatte eine 23-Jährige häusliche Gewalt ertragen. Dann bekam sie Hilfe von einer Frau aus dem karitativen Bereich. Das Opfer verbrachte mit ihren 2 kleinen Kindern ein Jahr in einem Frauenhaus. Nun sagte sie als Zeugin mit Unterstützung der Opferhilfe und einer Rechtsanwältin, die als Nebenklägerin auftrat, vor Gericht aus. Angeklagt waren 4 Fälle von Körperverletzung. Der mutmaßliche Täter? Der Lebensgefährte der 23-Jährigen. „Ich wurde fast täglich geschlagen“, sagte das Opfer.

In diesem Fall spielen die Staatsangehörigkeit und der Glaube des Paares eine große Rolle. Der 29-jährige Angeklagte war nach Erkenntnissen der Behörden als Flüchtling nach Damme gekommen, die Frau auch. Ihre und seine Eltern waren nach Ausbruch des Krieges von Syrien über die Türkei eingereist. Von Damme ging es später in ein Heim nach Braunschweig.

Der Angeklagte trank Alkohol und nahm Drogen

Die angeklagten Taten passierten in Damme, wo sich das Paar kennenlernte und verliebte. Es wurde nach kurdischem Recht geheiratet, später auch wieder geschieden. 2 Kinder kamen auf die Welt. Die Eltern kannten sich aus der Heimat und waren mit der „Heirat“ nicht einverstanden.

Der Angeklagte hielt sich nicht an die Glaubensvorschriften. Er trank Alkohol, nahm Marihuana und verspielte das wenige Geld in einer Spielothek, hieß es vor Gericht. Er schlug seine Frau nach ihren Aussagen fast täglich. Einmal bekam die 23-Jährige demnach einen Faustschlag aufs Auge. „Ich sah nur noch Sterne.“ Ein anderes Mal sei sie gewürgt worden, sagt sie. Das war dann wohl auch der Anlass, sich an die Caritas zu wenden.

Die Caritas empfahl den Gang zur Polizei. Mit der hatte der Angeklagte im übrigen schon zu tun. Er war laut Aktenlage stark alkoholisiert mit einem Messer auf die Beamten losgegangen und hatte erklärt, er werde sich umbringen. Er musste daraufhin eine Nacht in der Zelle verbringen.

"Das ging so weit, dass das Gericht in der stundenlangen Befragung eine Pause einlegen musste, um die Gemüter zu beruhigen."Klaus Esslinger

Das von dem Opfer geschilderte Martyrium soll an dieser Stelle nicht ausgebreitet werden. Der Angeklagte sagte zur Sache nicht aus. Der Verteidiger erklärte, dass sein Mandant die vorgeworfenen Taten bestreite. Hingegen präsentierte das Opfer jede Menge Beweise, so Sprachaufnahmen, Fotos von Verletzungen – durch die Polizei aufgenommen, und vieles mehr. Eigentlich ein klarer Sachverhalt. Doch der Verteidiger führte eine stundenlange Befragung der Zeugin durch, wollte im Detail alles wissen, was die Zeugin schon ausgesagt hatte. Das ging so weit, dass das Gericht ob der stundenlangen Befragung eine Pause einlegen musste, um die Gemüter zu beruhigen.

Das Urteil: 8 Monate auf Bewährung

Die Staatsanwältin beantragte eine Geldstrafe. Der Verteidiger plädierte auf Freispruch. Die Zeugin habe sich das alles ausgedacht, um die Trennung von ihrem Ehemann gegenüber ihrer Familie rechtfertigen zu können, meinte der Anwalt. Das Gericht verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von 8 Monaten auf Bewährung, 6 Monate allein für den Faustschlag aufs Auge und zu 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Der Verteidiger erklärte abschließend: „Das Urteil wird niemals rechtskräftig werden“, womit er eine Berufung ankündigte und das Opfer dann wohl noch einmal seine aus meiner Sicht grauenvolle Geschichte erzählen muss.


Zur Person

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der OV.
  • Kontakt zum Autor über: redaktion@om-medien.de.

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