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Die Sache mit der Nächstenliebe

Kolumne: Auf ein Wort – Können Christen in der AfD sein? Vieles hat unter dem Dach der Kirche einen Platz, aber nicht alles.

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Es gibt Äußerungen meines Schwiegervaters (Jahrgang 1901, vor über 40 Jahren verstorben), die bringen mich immer noch zum Schmunzeln. Er war auch Pfarrer und in der Zeit des Nationalsozialismus Mitglied der Bekennenden Kirche. Er konnte sich so herrlich aufregen, wenn für ihn eine Sache total klar war, eines seiner Gemeindeglieder aber eine völlig andere Meinung vertrat, und eine, wie Schwiegervater meinte, absolut sinnlose Diskussion auslöste. Dann konnte schon mal ein Sätzchen folgen wie: "Wenn ich den im Himmel treffe, drehe ich mich um."

Vielleicht schmunzeln Sie jetzt auch. Was mich an dieser Äußerung jedoch bis heute beeindruckt, ist dies: Schwiegervater hat dem anderen nicht den Himmel abgesprochen, nur seine eigene Befindlichkeit zum Ausdruck gebracht.

Wer aufmerksamer Leser der Oldenburgischen Volkszeitung und ihrer Leserbriefe ist, der hat die kontroverse Diskussion zwischen einigen AfD-Mitgliedern und dem "Rest des Landkreises" mitbekommen. Ich habe mich persönlich auch an dem Leserbriefreigen contra AfD beteiligt und sage, wie einst Edith Piaf sang: Non, je ne regrette rien. (Nein, ich bereue nichts).

"Einem Menschen innerhalb der Kirche die Liebe und die Tränen Gottes abzusprechen, weil er an der biblischen Botschaft vorbeilebt, kann man das?"Jörg Schlüter

Es ist allerdings nicht ganz so einfach, wie es scheint. Einerseits kann ich nachvollziehen, wenn Christenmenschen sich fragen, ob AfD-Mitgliedschaft und Kirchenzugehörigkeit zusammenpassen. Gefühlsmäßig würde ich in die Richtung tendieren: Geht nicht. Ich denke an Herrn Gauland, der 6 Millionen ermordete Juden als einen Fliegenschiss in der Geschichte der Menschheit bezeichnete; ich könnte ko... 

Andrerseits lese ich die Bergpredigt im Neuen Testament und den Satz Jesu, der für mich eine lebenslange Herausforderung bleibt: "Wenn ihr nur die liebt, die euch lieben, das kann jeder."

Einem Menschen innerhalb der Kirche die Liebe und die Tränen Gottes abzusprechen, weil er an der biblischen Botschaft vorbeilebt, kann man das?

Kirche lebt eben auch vom Ringen in kontroversen Diskussionen, die letztlich helfen wollen, die biblische Botschaft von unterschiedlichsten Standpunkten und in ihrer ganzen Bandbreite verständlich zu machen. Es gibt nicht nur "meine Sichtweise." Dennoch muss es auch Grenzen geben. Vieles hat unter dem Dach der Kirche einen Platz, aber nicht alles.

Uns eint eines: Wir sind Menschen. Wir sind menschlich und ja, manchmal auch unmenschlich. Wenn wir darauf vertrauen, dass Gott jeden Menschen liebt, dann auch den, mit dem wir über Kreuz liegen. Wo sich aber Menschenverachtung in Wort und Tat Bahn bricht, dort dürfen wir Christen um Himmels willen nicht schweigen, sondern haben den Auftrag, die dem Wort Gottes widersprechenden Inhalte laut und deutlich beim Namen zu nennen. Nur sachlich sollte es bleiben und nicht persönlich diffamierend.


Zur Person:

  • Jörg Schlüter ist evangelischer Geistlicher. Er war von 1998 bis 2011 Pfarrer der evangelisch-lutherischen Gemeinde in Vechta.

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