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Die Platte mit dem Reißverschluss

Kolumne: Das ganz normale Leben – Vielleicht schenkt es dem Autor dieser Zeilen eine nicht ganz neue Schallplatte. Gesucht wird nämlich "Sticky Fingers".

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Anlässlich des 80. Geburtstages von Rolling Stone Charlie Watts drosch ich in diesen Tagen auf mein Büro-Schlagzeug ein, der Obermieter mag mir vergeben. Mir war gerade danach, die Inzidenzen sinken, das Wetter ist anbetungswürdig und es galt, ein weiteres Jubeldatum zu zelebrieren: Ein Meisterstück der Stones, die LP „Sticky Fingers“, stieg vor genau 50 Jahren in die deutsche Hitparade auf, zusammen mit James Lasts „Non Stop Dancing“ Numero elf, das war dann eher was für die Erwachsenen zum Karneval.

„Sticky Fingers“ kaufte ich 1977 bei Lersch am Bremer Tor. Das Cover war ein Klassiker: Andy Warhol hatte auf dem Umschlag vor den Jeans-Hosenlatz des Schauspielers Joe Dallesandro einen echten Reißverschluss montiert. Wenn man den runterzog, erschien ein weißes Stückchen Slip, das war ein starkes Stück – auch wenn das Gesamtkunstwerk in dieser Art und Weise nur als Limited Edition jenseits von Südoldenburg herumschwebte.

"In der Musikschule hielt man nicht viel von Herrn Watts, das sei ein ,Kirmestrommler mit langem Haar' (...)."Christian Bitter

Mein Proleten-Cover war nur bedruckt. Entscheidender war der Inhalt. Auf dem Label prangte erstmals das legendäre Zungenlogo und „Brown Sugar“ entzückte mich als Schüler mehr als alles zuvor. Ich legte die Platte auf mein grauenvolles Philips-Stereo-Elektrophon, schloss statt der Plastiklautsprecher einen Monacor-Kophörer der Zwölfmarkneunzig-Klasse an und versuchte, auf dem Kinderschlagwerk genauso entspannt zu grooven wie Charlie.

In der Musikschule hielt man nicht viel von Herrn Watts, das sei ein „Kirmestrommler mit langem Haar“, ich sollte stattdessen lieber jeden Tag die 26 Standard-Rudiments von Sanford Moeller auf der Marschtrommel absolvieren, das seien zweifellos wesentlich sinnvollere Etüden. Dies aber fand ich todlangweilig und strebte danach, mindestens so kühl auszusehen wie Sweet-Schlagzeuger Mick Tucker, der samstags in der TV-„Disco 75“ herumschockte, Kinder an die Macht.

Heute habe ich „Sticky Fingers“ nur noch als Playlist in der Wolke. Die Original-LP ist längst verschollen, wahrscheinlich verliehen an pflichtvergessene Genossen, die das Ding dann auch noch nass abgespielt haben. Wenn Sie mir eine Freude machen wollen, sehen Sie auf dem Dachboden nach. Vielleicht findet sich ja noch irgendwo zwischen Visbek und Fladderlohausen eine LP im Original-Outfit mit aufgeklebtem Reißverschluss. Ich würde den Fund hinreichend vergüten und das Kunstwerk an die Wand hängen.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.
  • Den Autor erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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