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Die langen Schatten der laxen Geldpolitik

Die Europäische Zentralbank hebt die Zinsen an. Der Schritt kommt zu spät – und gibt keine Antwort auf hausgemachte Probleme in der Eurozone.

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Philipp Ebert

Philipp Ebert

Sie geht alle etwas an: die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Wenn die EZB im Juli ihren Einlagenzinssatz um 0,25 Prozentpunkte anhebt, gilt das als „Zinswende“. Große Worte. Richtig ist: Erstmals seit 11 Jahren steigen die Leitzinsen wieder. Doch die Ära einer ungewöhnlichen Geldpolitik geht keineswegs zu Ende. Denn: Der Einlagezins bleibt zunächst im negativen Bereich. Eine weitere Erhöhung erscheint möglich, ist aber nicht ausgemacht.

Warum ist das für uns alle wichtig? Weil die Leitzinsen ein mächtiges finanzpolitisches Instrument sind. Die niedrigen Zinsen der EZB haben den Euroraum trotz der Überschuldung mancher Länder zusammengehalten – aber auch Fehlentwicklungen befördert.

Das Positive: Es war die Geldpolitik des damaligen EZB-Präsidenten Mario Draghi – heute italienischer Premier –, die die Staatsschuldenkrise Griechenlands beenden konnte. Draghi drohte den Finanzmärkten: Die EZB werde den Euro verteidigen – „was auch immer es koste“. Die EZB behielt recht.

Die Kosten der EZB-Politik sind allzu sichtbar

Doch die „Kosten“ dieses Kurses sind allzu sichtbar. Die durch den Krieg angeheizte Inflation ist der sichtbarste Preis der laxen Geldpolitik. Dass die EZB darauf reagiert, ist unausweichlich. Viele Experten meinen aber: zu spät, zu halbherzig.

Wenn die EZB nun zusätzlich ankündigt, nicht mehr Staatsanleihen überschuldeter Länder zu kaufen (das ist eigentlich ohnehin verboten), wird sich zeigen, wie viel Vertrauen die Märkte in die Staaten haben. Am Donnerstag, dem Tag der Ankündigung aus Frankfurt, zeigte sich rasch, dass italienische Anleihen wieder deutlich risikoreicher bewertet wurden als deutsche. Italien gilt wegen seiner Schulden, aber auch wegen ineffizienter Verwaltung, fehlender Wettbewerbsfähigkeit und teils maroder Infrastruktur als Gefahr für die Eurozone.

Das billige Geld der EZB hat die Geldmärkte geflutet und dadurch den Immobilienmarkt drastisch angeheizt – bis zur ÜberhitzungPhilipp Ebert

Doch es gibt neben der statistisch abgebildeten Inflation und den nur betäubten Schmerzen rund um die Staatsschulden noch ein drittes Problem, das die EZB-Finanzpolitik bereitet hat: die Verteuerung des Wohnens. Diese hat die gemessene Inflation lange kaum beeinflusst; sie ist gleichwohl real.

Bau oder Kauf von Eigenheimen ist für weite Teile auch der Mittelschicht finanziell unmöglich geworden – jedenfalls ohne Eigenkapital der Eltern oder eine gefährlich hohe Schuldenlast.

Das billige Geld der EZB hat die Geldmärkte geflutet und dadurch den Immobilienmarkt drastisch angeheizt – bis zur Überhitzung. Natürlich gab es auch andere Faktoren: mitverdienende Bauunternehmer oder teure Bauvorgaben des Staates.

Junge Familien müssen abwinken

Wer heute, selbst bereits finanziell und beruflich etabliert, das Elternhaus erbt, kann es auch in der Provinz zu teils absurden Preisen verkaufen und sich selbst und die eigenen Nachkommen damit finanziell sanieren. Junge Familien hingegen müssen bei den Preisen abwinken – oder hohe finanzielle Risiken auf sich nehmen.

Zugleich hat das billige Geld die Unart befördert, komplett schuldenfinanziert in Immobilien zu „investieren“. Selbst Menschen in den 20er Jahren ihres Lebens kaufen Wohnungen in Städten und lassen die Schulden in einigen Jahren durch Mieter abbezahlen.

Diese Form des Wirtschaftens führt zu modernem Wohn-Feudalismus und zu charakterlicher DekadenzPhilipp Ebert

Wegen der Renditeziele steigt die Miete – und damit der Mietspiegel, der das Wohnen dann auch für alle anderen teurer macht. Wohnen ist zu einer beliebigen Renditeform geworden. Mal abgesehen von dem Umstand, dass Wohlstandsaufbau durch das Geld anderer Leute wenig mit Leistung zu tun hat: Diese Form des Wirtschaftens führt zu modernem Wohn-Feudalismus und zu Dekadenz, wenn sich nicht mehr der persönliche Einsatz (ja, die Leistung!) lohnt, sondern eigentlich nur noch Vermögen zu noch größerem Wohlstand führt – über den Umweg von billigen Krediten.

Die Leitzinsen also, die unserem Kontinent und insbesondere Deutschland vordergründig ein gutes Jahrzehnt beschert haben, werfen lange Schatten. Zu lange hat die EZB vor ihnen die Ohren verschlossen. Wenn man im entrückten Frankfurter EZB-Turm nun beginnt, die Folgen des eigenen Handelns zu bedenken, ist das begrüßenswert. Die Frage bleibt: Kommt die Antwort rasch genug? Und kann sie die Schäden beheben, die über viele Jahre billigend in Kauf genommen wurden?

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