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Die Jagd nach dem weißen Gold

Kolumne: Batke dichtet – Die zweite Welle ist da, der Konsumrausch auch: Klopapier ist das Produkt der Stunde. Auf meiner Einkaufstour ging das einem Miteinkäufer allerdings am Allerwertesten vorbei.

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Ja, ist denn schon wieder Hamsterkauf? Wir waren vor kurzem in einem Oldenburger Großmarkt, und die Atmosphäre hatte etwas von Konsumrausch. Vielleicht lag das auch daran, dass gleich im ersten Verkaufsbezirk Weihnachtskitsch in allen schrecklichen Schattierungen feilgeboten wurde. Santa Claus is coming to town, Corona scheint ihn nicht abhalten zu können. Dabei weiß jeder, dass das Fest aller Feste nicht virenfrei bleiben wird.

Aber zurück zum bunten Marktgeschehen am vergangenen Samstag. Die geräumigen Einkaufswagen wurden vollgepackt als gäbe es kein Morgen mehr. Vier der sieben Kassen waren besetzt, vor ihnen bildeten sich Schlangen, die sich tief in den Bauch des Marktes bohrten, schätzungsweise 35 Meter lang. Es war Geduld gefragt und schwer auszumachen, wie es sich mit der Stimmung im Dickicht der Maskenträger verhielt. Bei Mund- und Nasenschutz blieben Gefühlsregungen weitgehend verborgen, nur hin und wieder hörte man es „mehr Kassen aufmachen“ grummeln.

Immerhin ließ sich die Netto-Wartezeit von 50 Minuten sinnvoll verbringen. Einige verfolgten auf ihren Smartphones das Geschehen in der Fußball-Bundesliga, andere bedienten die sozialen Kanäle mit aktuellen Fotos vom Staugeschehen, ich nutzte die Zeit, um im frisch erstandenen Roman von Val McDermid („Das Grab im Moor“) zu blättern. Interessante Beobachtung: Während des Schlangestehens sah man vereinzelt Einkäufer, die ihre Begleiter in die Hygiene-Abteilung schickten, um vielleicht doch noch ein Achterpack Zewa Zweilagig oder Hakle Feucht in der Familien-Edition abzugreifen. Man kann ja nie wissen. Als ob sich durch vermehrten Klopapier-Einkauf Herden-Immunität erreichen ließe.

"Jedenfalls schaffte es die Jagd nach dem weißen Gold in den letzten Tagen wieder mühelos auf die Agenda unseres Alltags."Alfons Batke, Journalist

Jedenfalls schaffte es die Jagd nach dem weißen Gold in den letzten Tagen wieder mühelos auf die Agenda unseres Alltags. Der Online-Ausgabe der „Bild“ war es zwischenzeitlich sogar eine Aufmachung wert. „Regierung gibt Deutschen Klopapier-Garantie“ prangte es da in fetten Lettern vom Bildschirm. Warum sich die „Bild“-Schaffenden ausgerechnet von Verkehrsminister Andreas Scheuer die positive Bewertung der Lage an der Klosett-Front einholten, blieb schleierhaft. Vielleicht brauchte der mautgebeutelte CSU-Mann einfach nur mal eine positive Nachricht – und da kann man schon mal punkten, wenn es um Deutschlands scheinbar wichtigstes Versorgungsmittel geht.

Nun, die Konsumenten sind wieder auf der Rolle; in den letzten Tagen gab es einen Umsatzzuwachs von 90 Prozent. Man kann prächtig darüber sinnieren und schwadronieren, was die WC-Papier-Hektik über die geistige und seelische Verfassung der Nation aussagt. Vielleicht ist das einfach nur ein reflexartiges Verhalten – einer fängt an, ein anderer legt nach, dann wird's exponentiell. Klopapier ist ideal zum Hamstern, vergleichsweise preiswert und ohne Verfallsdatum.

Von solchen Überlegungen schien ein Miteinkaufender am vergangenen Samstag in besagtem Großmarkt weit entfernt. Eingekeilt in der riesigen Warteschlange schob er seinen Einkaufswagen Zentimeter um Zentimeter mit stoischer Ruhe nach vorn. Er hatte lediglich eine Stange Maoam und einen Doppelpack Ültje-Kerne geladen. Manchmal verlangt die Krise auch Gelassenheit. Das mit der Klopapier-Hysterie schien ihm am Allerwertesten vorbeizugehen.


Zur Person:

  • Alfons Batke (64) ist Journalist und lebt in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie unter: info@ov-online.de

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