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Die Erben des Kalle Blomquist

Kolumne: Batke dichtet – Nordische Krimis haben Hochkonjunktur. Und auch die Realität zeigt: Das Idyll, in dem sich Pippi Langstrumpf eine Welt macht, wie sie ihr gefällt, gibt es längst nicht mehr.

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Ein untrügliches Zeichen. Wenn in der Nacht zum Sonntag die Uhren für eine Stunde angehalten werden, ahnen wir, dass die dunkle Jahreszeit angebrochen ist. Das wissen natürlich auch die Buchverlage, die mit einer Fülle von Neuerscheinungen den Markt fluten. Insbesondere Krimis haben Hochkonjunktur. Allen voran die aus Skandinavien, und nicht von ungefähr führt das neue Werk des schwedischen Autoren-Duos Hjort&Rosenfeldt die deutschen Bestsellerlisten an. Wahrscheinlich bis Mitte November, denn dann erscheint mit "Natriumchlorid“ das frische Werk des dänischen Auflagenkönigs Jussi Adler-Olsen.

Das gesellschaftliche Umfeld steht im Mittelpunkt

Der Ursprung des nordischen Krimi-Booms liegt in Schweden. Das Autorenpaar Maj Sjöwall/Per Wahlöö gilt als Wegbereiter des Genres; die beiden schufen mit Kommissar Beck einen Protagonisten, der als Blaupause für zahllose Nachfolger diente. Sjöwall/Wahlöö hatten schon in den 60er Jahren nicht das Verbrechen an sich in den Mittelpunkt ihrer Romane gerückt, sondern das gesellschaftliche Umfeld, in dem es sich ereignete.

Das trifft auch auf die Geschichten um Kommissar Kurt Wallander zu, die vom 2015 verstorbenen Henning Mankell erzählt wurden. Mit ihm etablierte sich der "Schweden-Krimi“, Titel wie "Mörder ohne Gesicht“, "Hunde von Riga“ oder "Mitsommermord“ erreichten Millionenauflagen in aller Welt und wurden in vielen Varianten verfilmt. Wer erst nach Mitternacht einschlafen kann, wird wissen, dass er nur ein wenig durch die TV-Landschaft zappen muss. Denn zu dieser Zeit läuft irgendwo immer ein Wallander.

Mankells Figur mag als Prototyp des Ermittlers der Gattung gelten, die als "Nordic Noir“ bezeichnet wird. Der typische Krimiheld ist geschieden oder hat zumindest gravierende Beziehungsprobleme, ist ein schlechter Vater, trägt depressive Züge und hat häufig Alkoholprobleme. Prominent besetzt auf norwegischer Seite ist diese Figur mit dem selbstzerstörerischen Ermittler Harry Hole, der vom früheren Punkmusiker Jo Nesbo ersonnen wurde. Dessen Bücher wurden mittlerweile mehr als 20 Millionen Mal verkauft.

"Und in Stockholm wird mehr gemetzelt, als in der Bronx zu schlimmsten Zeiten."Alfons Batke

Aus Astrid Lindgrens Bullerbü oder Lönneberga sind Ystad oder Visby geworden, wo Serienmörder ihr Unwesen treiben. Aus dem pfiffigen Detektiv Kalle Blomquist wurde Mikael Blomquist, wie in Stieg Larssons "Millennium“-Trilogie treffend zu beobachten. Und in Stockholm wird mehr gemetzelt, als in der Bronx zu schlimmsten Zeiten. Das Morden im Norden ist für viele ein einträgliches Geschäft. Hakan Nesser, ehemaliger Gymnasiallehrer und Schöpfer der einzigartigen Kommissarfigur Van Veeteren, gibt dann auch zu: "Wir können nur deshalb so viele Krimis schreiben, weil die Deutschen so viele kaufen.“

Das Lindgrensche Idyll, in dem sich Pippi Langstrumpf eine Welt macht, wie sie ihr gefällt, gibt es längst nicht mehr. Auch Skandinavien wird von einer Welle der Gewalt überrollt, wie vor wenigen Wochen noch mit den Bogenschützen-Morden von Kongsberg in Norwegen zu beobachten. Die Geschichte vom friedlichen Wohlfahrtsstaat ist eine Mär. Schweden beispielsweise hat, ausgelöst durch Bandenkriege, mittlerweile europaweit die höchste Mordrate durch Schusswaffengebrauch. Insofern sind die vielen, häufig sehr guten skandinavischen Krimi-Autoren von der Realität längst eingeholt worden.


Zur Person

  • Alfons Batke (65) blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück. Er lebt in Lohne.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an die Adresse redaktion@om-medien.de.

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