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Die 37 erinnert Cloppenburger an Architekt mit Liebe zum Teich

Baumeister Josef Middendorf aus Dinklage buddelte Bauherren gern einen Gartenteich. Sein 66 Jahre altes Bauschild ist nun zum Stammsitz an die Sevelter Straße 37 zurückgekehrt – ein Lieblingsstück.

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Die 37 als Herzenssache: Klaus Middendorf hat mit dem Umzug an den alten Standort die „richtige“ Adresse zurück. Foto: Kreke

Die 37 als Herzenssache: Klaus Middendorf hat mit dem Umzug an den alten Standort die „richtige“ Adresse zurück. Foto: Kreke

Wenn Josef Middendorf sein handgemaltes Firmenschild vor eine neue Baustelle hängte, riet der junge Architekt dem Kunden gern zu einer kleinen Extra-Ausgabe, die Entspannung versprach. „Der hat überall Teiche ausgehoben“, erzählt Klaus Middendorf (55), der Enkel und Erbe, „weil er die einfach mochte“. Den kleinen Luxus gönnte sich der in Dinklage geborene Bauunternehmer auch selbst, als er vor 66 Jahren sein bescheidenes „Hauptquartier“ an der Sevelter Straße 37 gründete.

Vorn lebten 2 Generationen unter einem Dach, hinten stand ein Schuppen für die Maschinen. „Da war auch unser Büro drin“, erzählt Klaus, der den Traditionsbetrieb in der 6. Generation führt. Versteckt am schmalen Bachlauf, der Piske, lag Opas Lieblingsplatz, der kleine Teich: „Da hat er oft gesessen und den Enten zugeschaut.“ Mit 93 Jahren starb er. Sein Enkel hat die Erinnerungen und das Bauschild bewahrt. Der Cloppenburger Maler Bernd Baro hat die Schrift mit feinem Pinsel restauriert. Doch ein „Schönheitsfehler“ störte den geschichtsbewussten Chef.

Blick zurück: So sah der Firmensitz der Middendorfs an der Sevelter Straße in den 50er-Jahre aus. Großvater Josef baute ihn. Foto: Archiv Ludwig MiddendorfBlick zurück: So sah der Firmensitz der Middendorfs an der Sevelter Straße in den 50er-Jahre aus. Großvater Josef baute ihn. Foto: Archiv Ludwig Middendorf

Nach dem Abriss des baufälligen Elternhauses und dem Umzug der Zentrale an die Löninger Straße 7 stimmte die Adresse auf dem Erbstück nicht mehr, 22 Jahre lang. Erst 2020 ist die Firma dorthin zurückgekehrt, wo sie begonnen hat, an die Sevelter Straße 37. „An der Hausnummer hänge ich“, bekennt der Unternehmer: „Das ist irgendwie Herzenssache.“ Hier ist er aufgewachsen. Auf dem Wegweiser vor dem Klinker-Neubau prangt die rote 37, übergroß und hinterleuchtet. Der rote Punkt über der Nummer erinnert daran, wie Middendorfs Maurer früher ihre Schubkarren und Rüttelplatten als Firmeneigentum markierten – mit grobem Pinsel und roter Farbe.

Nicht alle historischen Häuser sind zu retten

Dass sein Elternhaus und der Teich einem massigen Neubau gewichen sind, liegt für den Geschäftsführer im natürlichen Lauf der Dinge. „Ich historisiere nicht“, sagt er nüchtern: „Auch Gebäude haben ihr Lebensalter. Wenn man sie erhalten kann, ist das gut und schön. Aber das geht nicht überall.“ In den sozialen Netzwerken und privaten Gesprächen stößt der Bauunternehmer häufiger auf die sehnsüchtige Vorstellung, dass jede alte Fassade, die der Stadt ein bisschen Gesicht verleiht, bewahrt werden müsste. „Das finden alle toll“, sagt er, „aber kaum jemand sieht, wie verrottet es manchmal dahinter ist.“ Leitet den Unternehmer also allein eine kühle Abwägung von Kosten und Nutzen?

Eher nicht, wenn man miterlebt, wie der 55-Jährige über das schwärmt, was seine 35 Mitarbeiter und die Generationen vor ihnen geschaffen haben. „Wenn ich durch die Stadt fahre und das sehe, was wir gebaut haben, freue ich mich“, sagt er: „Da entsteht eine Verbundenheit mit dieser Stadt.“ Der neue Anbau des Hospitals stammt aus dieser Zeit, der Totalumbau der St.-Andreas-Schule und die Sanierung des historischen Bahnhofs in Cloppenburg.

Erst Maurer, dann Architekt und Gründer: Josef Middendorf im Jahr 1928. Erst 1955 machte er sich in Cloppenburg selbstständig, nachdem er zuvor die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft des Landkreises geleitet hatte. Foto: MiddendorfErst Maurer, dann Architekt und Gründer: Josef Middendorf im Jahr 1928. Erst 1955 machte er sich in Cloppenburg selbstständig, nachdem er zuvor die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft des Landkreises geleitet hatte. Foto: Middendorf

An die St.-Bernhard Kirche in Emstekerfeld mit ihrem rundgemauerten Chorraum legte noch der Großvater Hand an. Was dessen Sohn Ludwig in 44 Jahren gebaut hat, ist zu viel, um es annähernd aufzulisten. Zwischendurch fand der heute 82-jährige Bau-Ingenieur, Gutachter und begeisterte Wanderer noch Zeit, ein Buch über die Entwicklung des Bauhandwerks im Oldenburger Münsterland zu schreiben. Eines der Fotos im Buch zeigt die statusträchtige Klinker-Fassade des Hauses Weiss in Dinklage, das der Stammbetrieb der Middensdorfs 1933 vor dem Umzug nach Cloppenburg errichtete. Vater Ludwig hat all diese Fotos archiviert und den Familienstammbaum bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgt.

„Natürlich leben wir auch von Abriss und Neubau. Aber es geht auch darum, ob das einen Sinn ergibt. Und das hier hat einen, den man fassen kann.“Klaus Middendorf, Bauunternehmer

Den Stolz auf die Tradition verbindet Klaus Middendorf mit dem Bewusstsein, etwas Handfestes und Dauerhaftes zu erschaffen. „Fass mal an“, fordert er und umgreift mit beiden Händen die Mauerecke des Firmenhauses: „Wie sich das anfühlt!“ „Es geht nicht nur ums Geldverdienen“, betont er: „Natürlich leben wir auch von Abriss und Neubau. Aber es geht auch darum, ob das einen Sinn ergibt. Und das hier hat einen, den man fassen kann.“ Noch einmal greift er auf die raue, dunkle Oberfläche, die weit mehr als 40 Jahre überstehen kann.

Großvater fuhr heimlich "dicken" Mercedes

Durch den verglasten Eingang blicken Besucher auf ein abstraktes Gemälde, das gar keins ist: Die alte Tischplatte aus der Bauschlosserei der Firma hat Middendorf fasziniert, weil die Handwerker beim Konservieren von Stahl und Werkzeug Farbspuren hinterlassen haben, die ein zufälliges und dennoch ästhetisches Muster ergeben – letztlich wie ein unbewusst geschaffener Sinn. Gut versteckt in einer Tiefgarage bewahrt der Enkel Opas „Dienstwagen“ auf. Der tadellos erhaltene Mercedes W 123 in sanft grünem Metallic-Ton trägt keinen Modell-Schriftzug. Denn Josef Middendorf wollte keinem Kunden auf die  Nase binden, dass er den teuren Benziner statt des braven Diesels fuhr. Auf sichtbare und teure Extras verzichtete er – ein stiller Genießer...

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