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Der Schlaumeier sagt, die arbeiten nicht nur mit Kartoffeln, sondern auch mit Computern

Gästebuch: Der deutschen Sprache sollte man ja eigentlich mächtig sein. Eigentlich. Aber je mehr die Leute belehrt, bebildet, beschult und begeistigt werden, umso mehr hapert es an Grundkenntnissen.

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Ein Neujahrsstreifzug durch die Kreisstadt, schlendernd durch die Fußgängerzone, radelnd durch umzu. Die „gute Stube“ Cloppenburgs, wie MT-Hafer Gert sie immer wieder gern bezeichnete, ist in die Jahre und ein wenig unter die Räder der Zeit gekommen. Leerstand, ein Schreckenswort. Wir kannten es bis dato nicht bei ständig steigenden und sprudelnden Mieten.

Jetzt tote Hose. Da überschreitet keine Außenbewirtschaftung die zentimetergenau vorgeschriebenen Bereiche („Hier bis zur Kopfsteinpflasterung und keinen Millimeter drüber. Sonst Bußgeld“). Kein Verkaufsstand, keine Bude und wenn, dann eine traurige, deren Zuckerstangen mehr an das Elend erinnern als Freude versprechen. Da hätte sich früher aber ein Cloppenburger Ordnungsamt gefreut, keine Verstöße, alles clean und gepflegt, sauber und steril. Geleckt, wie es die Ordnungsamtler wollten.

Das Stimmengewirr hat dagegen zugenommen. Multi Kulti könnte man sagen, aber doch wohl mehr Multi als Kulti. Beim Postamt trifft sich samstags der gefühlt gesamte Balkan und die angrenzenden Bruderstaaten und bilden eine Schlange bis auf die Bahnhofstraße. Post ist hier vor allem Postbank. Abhebung, Überweisung, Einschreiben und Eilsendung. Samstag ist für die Postlerinnen und Postler kein „Freedom Day“. Wer sagt schon „Freiheitstag“? „Black Friday“ sagt man heute oder Cash and Carry. Die Post hat sich eingestellt. In allen gängigen Sprachen prangt es von Schildern unter gelbem Horn: Abstand wahren und Maske auf.

Das Anderssprachliche soll dann was sein

Der deutschen Sprache sollte man ja eigentlich mächtig sein. Sollte man eigentlich. Aber je mehr die Leute belehrt, bebildet, beschult und begeistigt werden, umso mehr hapert es manchmal an Grundkenntnissen. Also flüchten wir uns ins Anderssprachliche. Und das soll dann was sein.

In der Fußgängerzone ruft das große Plakat des Schwedenklamottenvertreibers: „Hier beginnt der Sale“? Sale? An der Saale hellem Strande in Halle? Dafür fehlt ja eigentlich ein a. Erst Kerstin klärt auf: Sprechen Sie es aus wie Säl oder Sail. Es ist wie Schlussverkauf. Aha. Und warum heißt es dann nicht so? Früher hieß es Pfanni. Jetzt Emsland-Food. Und es gibt dort nicht eine Firma, sondern eine Group. Am Eingangstor steht „Welcome“ und auch ein Wort auf Kyrillisch.

„Der durchschnittlich Gebildete sagt sich, man muss ja nicht alles verstehen und wendet sich ab.“ Otto Höffmann

Man wirbt mit „Not only potatoe. Also Apple“. Der durchschnittlich Gebildete sagt sich, man muss ja nicht alles verstehen und wendet sich ab. Der Schlaumeier dagegen sagt, die arbeiten nicht nur mit Kartoffeln, sondern auch mit Computern (hä?). Computer? Apple? Apfel? Ach so. Eben nichts für Schnellmerker.

Auf dem Gelände der Berufsbildenden Schule am Lankumer Ring haben sie vor einiger Zeit nagelneue Schilder aufgestellt: „Betreten der SPORTANLAGE auf eigene Gefahr. Eltern haften für Ihre Kinder.“ Während bei anderen Schildern wie „Rauchen verboten“ oder „Kein Zutritt nach 22 Uhr“ der Landrat zum Schluss als Verordnungsgeber auftritt, hat er sich das bei den neuen Schildern verkniffen. Er wusste (oder ahnte?) wohl warum. Denn ich frage mich, wer wohl für meine Kinder haftet, wenn ich schon so direkt angesprochen werde. Und warum? Und wofür? Die schlauen Juristen sagen, man kann ja nicht ständig mit dem Grundgesetz unterm Arm herumlaufen. Aber, was ist denn nun die Anspruchsgrundlage für eine solche Haftung?

Sie existiert natürlich nicht. Denn die Eltern haften ja nicht für „Ihre“, sondern für „ihre“ Kinder, unter bestimmten Umständen. Ja, soviel Differenzierung müsste schon sein, passt aber wohl nicht mehr in die Zeit von Sale, Potatoe, Apple oder Welcome. Oder gehört die deutsche Sprache nicht zur Kernkompetenz einer Berufsbildenden Schule? Nach dem Motto: Entweder sie können schon Deutsch oder sie lernen es doch nicht mehr.

Unbemerkte Schilder – Setzen: 6

Man könnte fast den Eindruck bekommen, dass es mit der Kernkompetenz nicht so weit her ist, wenn man bedenkt, dass Schuljahr für Schuljahr Hunderte von Lehrerinnen und Lehrer an diesen Schildern schon vorbeigegangen sind, ohne dass es einer bemerkt hätte und natürlich auch kein Schüler. Weder die bestellende Behörde, noch die Verwaltung, weder der Hausmeister noch der Landrat wollen was bemerkt haben.

Damit ist die Benotung eindeutig. Heimatkunde und Anschauung: Man hat sich bemüht. Deutsch: Ungenügend. Setzen: 6.


Zur Person: 

  • Otto Höffmann ist Rechtsanwalt in Cloppenburg.
  • Den Autor erreichen Sie unter der E-Mail-Adresse redaktion@om-medien.de.

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