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Der Kampf mit einer verwandten Materie

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Staub ist nicht nur lästig, sondern kann auch Kunst sein – wenn auch nicht ganz so ausdrucksstark wie Don Quijoto oder Picasso.

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Ich habe abgestaubt. Nun, das ist nichts Besonderes. Andere würden auch sagen: "Ich habe Staub gewischt". Aber unter uns Putzmännern hört sich das mit dem Abstauben einfach besser an. Und es taugt auch für die Einführung in ein Thema, das von absolut grundsätzlicher Bedeutung ist.

Nicht nur, weil wir in diesen Virus-geschwängerten Zeiten ja alle irgendwie mit dem "Ab" zu tun haben: dem Abtauchen, dem Absagen, dem Abwinken, dem Abraten, dem Abspulen immer gleicher Tagesabläufe und so weiter. Denken Sie sich ruhig noch mehr "Ab’s" aus.

"Man kann mit dem Finger schöne Pfade durch die Glitzerschicht ziehen, Figuren erschaffen, die kreativere Menschen vielleicht zur Frage führen würden: Ist das Kunst – oder kann das weg?"Andreas Kathe, Journalist

Aber ich konzentriere mich hier auf den Staub. Er ist allgegenwärtig. Gerade jetzt, beim Schreiben, fällt der Sonnenschein durchs Fenster und offenbart feine, glitzrige Strukturen auf dem schwarzen Locher neben meiner Tastatur und auf dem breiten Standfuß des Computer-Monitors. Man kann mit dem Finger schöne Pfade durch die Glitzerschicht ziehen, Figuren erschaffen, die kreativere Menschen vielleicht zur Frage führen würden: Ist das Kunst – oder kann das weg?

Es kann weg. Und es nervt. Man kann ja nicht immer und überall sofort mit dem Tuch wedeln und den Mikropartikeln den Kampf ansagen. Es bringt auch nichts. Neulich, ich wischte fröhlich über diverse Bilderrahmen und sonstige Aufhängsel, tanzten die Körner nur so herum. Mir war, als machten sie sich einen Sport daraus, zu entwischen. Ein etwas dickeres Korn, leicht links von mir, grinste frech und fuhr den Stinkefinger aus.

Vom vielen Wischen hing aufmal der Don Qujiote schief

Beim Versuch, den Übeltäter zu erwischen, hätte ich fast den Picasso von der Wand gefegt. Siehe da: Der Billigdruck zeigt ausgerechnet Don Quijote. Der bildete sich ein, dass Windmühlen Riesen seien. Ich bilde mir gar nichts ein, denn Staub ist ja eigentlich so gut wie nichts. Und mit dem Nichts kämpfen, ja, das machen Sie mir mal vor.

"Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück", sagte schon Gott, als er das Paradies hinter uns abschloss und uns gebot, ein Leben im Schweiße unseres Angesichts zu führen. Was – näher betrachtet – auch irgendwie tröstlich ist. Denn wer wie der alte Grieche Sisyphos versucht, die Welt vom Staub zu befreien, hat es immerhin mit einer verwandten Materie zu tun.

Nun ist es vollbracht. Und die beste Ehefrau von allen kehrt heim: "Du, der Don Quijote hängt schief". "Ja, sage ich, rechts lag mehr Staub". Sie grinst und wischt mir den Schweiß vom Angesicht. "Wär‘ Dir wohl lieber, du hättest einen echten Picasso abgestaubt…"


Zur Person:

  • Der Journalist Andreas Kathe lebt in Dinklage.
  • Lange Jahre war er Redakteur und Redaktionsleiter der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter: info@ov-online.de

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