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Der Grüne Punkt wird weiter gesammelt

Der Markt für Kunststoffrezyklate ist massiv eingebrochen -  in Teilen bis zu 90 Prozent. Auch Branchengröße LKR in Vechta verliert Umsatz.

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Bei LKR in Vechta werden ausschließlich Abfallkunststoffe aus der regulären Produktion von Herstellern recycelt. Foto: LKR

Bei LKR in Vechta werden ausschließlich Abfallkunststoffe aus der regulären Produktion von Herstellern recycelt. Foto: LKR

Die Corona-Krise hat auch Auswirkungen auf den Markt der Sekundärrohstoffe. Die Nachfrage nach Kunststoffrezyklaten ist deutlich eingebrochen. Das hat jetzt mit einer Blitzumfrage unter seinen Mitgliedern der Bundesverband der Deutschen Entsorgungs-, Wasser- und Rohstoffwirtschaft (BDE) ermittelt. Der Rückgang beim Rezyklateinsatz über alle Kunststoffarten hinweg liegt bei durchschnittlich 41 Prozent, so der Verband. Der BDE spricht von Teilbereichseinbrüchen von um die 15 Prozent bis hin zu 90 Prozent – was dem Teilzusammenbruch des Absatzmarktes gleichkomme. Mit einem Absatzrückgang von rund 53 Prozent sei PVC die am stärksten betroffene Kunststoffart.

Rund 40.000 Tonnen Kunststoffrezyklate jährlich verlassen in normalen Zeiten die Hallen des Lohner Kunststoff Recycling (LKR) an der Buchholzstraße in Vechta. Das Unternehmen recycelt ausschließlich Kunststoffabfälle aus der industriellen Produktion, die in Deutschland insbesondere in Lohne und Lüdenscheid konzentriert ist. Derzeit hätten "Rezyklate einen ganz schweren Stand", sagt der geschäftsführende Gesellschafter Jan-Hendrik Wilming.

Das billige Rohöl macht die Produktion neuer Kunststoffe billig

Der Rezyklatabsatz sei, bedingt auch durch Corona, eingebrochen, da die Weiterverarbeiter der Sekundärrohstoffe kaum mehr Nachfrage nach ihren Produkten verzeichneten und infolgedessen ihrerseits keine Aufträge an die Recyclingwirtschaft vergeben, erklärt Wilming. Auf der Rohstoffseite wirke sich außerdem der niedrige Preis für Rohöl massiv aus. Alle Hersteller in der Kunststoffbranche stünden derzeit vor der Frage, ob sie nicht, da billig, neu produzierte Kunststoffe einsetzen, anstatt Rezyklate zu verwenden. Folge: Einige Rezyklate-Anbieter erwirtschaften "gerade noch die Arbeitskosten".

"Aber, so hoffnungslos, wie die Situation in einigen Medien dargestellt wird, ist sie dann aber doch nicht", meint Wilming mit Blick auf das eigene Unternehmen, das am Standort rund 100 Mitarbeiter beschäftigt. "Die Talsohle ist erreicht. Den großen Problemen haben wir uns gestellt", erklärt er.

Jan-Hendrik Wilming, geschäftsführender Geellschafter von LKR in Vechta, sieht die Zukunft seines Unternehmens auch angesichts der derzeit schwierigen Marktlage weiter positiv. Foto: LKR.Jan-Hendrik Wilming, geschäftsführender Geellschafter von LKR in Vechta, sieht die Zukunft seines Unternehmens auch angesichts der derzeit schwierigen Marktlage weiter positiv. Foto: LKR.

Natürlich habe es bei LKR einen Umsatz- und Gewinneinbruch gegeben, weshalb man das Drei-Schicht-Arbeitssystem im Betrieb auf zwei Schichten heruntergefahren habe. Auch das Instrument Kurzarbeit hat der Betrieb zwei Monate lang genutzt. Dennoch: "Spätestens im zweiten Quartal 2021 geht die dritte Schicht wieder an die Arbeit", ist er sicher. Von seinen Plänen, den Standort Vechta zu modernisieren und auszubauen sowie einen weiteren Standort in Süddeutschland zu eröffnen – der Bauantrag ist gestellt – rückt Wilming nicht ab.

Dabei spielt wohl auch eine Rolle, dass LKR mittlerweile zu den Größten in der Kunststoffrecyclingbranche gehört, und damit zu der "Handvoll Betriebe in Deutschland, die in der momentanen Situation nicht verkauft werden sollen". Die Branche sei durch kleinere und mittelständische Betriebe geprägt. "Wenn da jetzt das Geld fehlt …", sieht Wilming bald eine veränderte Marktsituation vor sich.

Werden sich die Abfallgebühren erhöhen, wenn nun Einnahmen aus der Abgabe wertvoller Rohstoffe in den Recyclingkreislauf fehlen? Die Abfallwirtschaftsgesellschaft Landkreis Vechta ist nach den Worten von Geschäftsführer Clemens Nüske "vom Preisverfall bei Kunststoffabfällen nur in geringem Umfang betroffen". Er benennt die getrennt gesammelten Hartkunststoffe "aus Polyethylen und Polypropylen – im Jahr 2019 waren es rund 180 Tonnen – die wir erfassen".

Bis vor zwei Jahren hätten die Verwertungserlöse noch höher gelegen, als die Aufwendungen, etwa für Transporte oder Sortierung. "Mittlerweile übertrifft der Aufwand die Erlöse, im laufenden Jahr liegt der Saldo derzeit bei etwa 2200 Euro", beziffert Nüske die Gesamtverluste der AWV. Dennoch sieht er weiterhin die getrennte Sammlung als sinnvoll an, "da diese Kunststoffabfälle ansonsten als Restabfall entsorgt würden – was unterm Strich teurer wäre."

"Die Sammlung vor Ort ist vom Preisverfall am Recyclingmarkt erst mal nicht betroffen."Norbert Völl, Sprecher des Dualen Systems Deutschland

Bevor Kunststoffe recycelt werden können, müssen sie gesammelt werden. Wenn der Markt für die sogenannten Konsumentenkunststoffe jetzt auch einbreche, beruhigt Norbert Völl, der Pressesprecher des Dualen Systems Deutschland (Der Grüne Punkt) alle Verbraucher, "ist die Sammlung vor Ort ist vom Preisverfall am Recyclingmarkt erst mal nicht betroffen". Auch während der akuten Krise im Frühjahr sei die Entsorgung seines Wissens nach überall in Deutschland ungestört weiter gelaufen.

Aus alten Kunststoffen können neue Produkte entstehen. Foto: LKRAus alten Kunststoffen können neue Produkte entstehen. Foto: LKR

"Allerdings müssten wir in den kommenden Jahren deutlich mehr Kunststoffabfälle in Deutschland und auch Europa ins Recycling bringen, um die neuen, deutlich höheren Quoten erfüllen zu können. Das bedeutet aber auch, dass sehr viel mehr Rezyklate wieder in neuen Produkten eingesetzt werden müssten. Dieser Markt kommt aber nicht voran, weil neuer Kunststoff aktuell billig ist und das auf absehbare Zeit auch wohl so bleiben wird."

Die Preise, so Völl, „bleiben unter Druck“. Da Erlöse aus dem Verkauf der gesammelten Kunststoffe "in unsere Kostenkalkulation einfließen müssen, wird es für unsere Kunden tendenziell teurer, ihre Verpackungen durch uns wieder einsammeln zu lassen – wozu sie allerdings verpflichtet sind. Damit werden auch die verpackten Produkte teurer – das bewegt sich allerdings in Dimensionen, die Endverbraucher im Supermarkt erst einmal nicht spüren".

Das Thema Recycling kommt nicht voran

Grundsätzlich gilt laut Völl: "Immer mehr Verbraucher ärgern sich darüber, dass das Thema Recycling und speziell Kunststoffrecycling nicht voran kommt und dass es bis auf Ausnahmen fast keine Verpackungen aus Recyclingkunststoff gibt." Daran dürfte sich seiner Meinung nach auch kaum etwas ändern, wenn die Nachfrage nach Recyclingkunststoff nicht wächst.

Der BDE will deshalb, dass die Politik endlich Instrumente bereitstellt, "die auch tatsächlich in einer relevanten Größenordnung eine Lenkungswirkung von der Neuware zum Rezyklat entfalten", so Geschäftsführer Dr. Andreas Bruckschen.

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