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Der etwas andere Klimawandel

Kolumne: Batke dichtet – Es ist Unfug, dass das Leben erst mit 66 Jahren anfängt. In diesem Alter nimmt man aber seinen "persönlichen Klimawandel" wahr.

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Es ist an der Zeit, Bilanz zu ziehen. Kommende Woche wird die nächste Stufe der Lebensrakete gezündet, dann leuchtet die Ziffer 67 auf. Dann ist zu überprüfen, ob Udo Jürgens, der gemeinhin als seriöser Künstler galt, Recht hatte, als er einst sang: „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran. Mit 66 Jahren, da kommt man erst in Schuss. Mit 66 ist noch lange nicht Schluss.“

Auch als mathematischer Stümper weiß ich: Unfug ist, dass das Leben erst mit 66 Jahren anfängt. Die erste Aussage ist also Quatsch. Punkt zwei, die Sache mit dem Spaß haben, kann man gelten lassen; mal mehr, mal weniger. Dass man mit 66 Jahren erst in Schuss kommt, will ich so nicht bestätigen. Und dass mit 66 noch lange nicht Schluss ist, ist ein frommer Wunsch, der buchstäblich noch mit Leben zu füllen ist.

Nein, auch mit 66 Jahren habe ich mir kein Motorrad gekauft und keinen Lederdress und fuhr auch nicht durch die Gegend mit 110 PS, wie es in dem Song heißt. Und nein, im Sommer band ich mir auch keine Blumen um meine Denkerstirn und trampte auch nicht nach San Francisco, um mein Rheuma auszukurieren, wie Uns Udo sang. Meine Hippiezeit liegt längst hinter mir, man soll die Blumen pflücken, wenn sie blühen. Und das mit dem Trampen ist auch vorbei, der Rentner von heute ist proaktiv mit dem E-Bike unterwegs.

Blätterte ich vormals häufiger in "Stern" oder "Focus", so ist nunmehr die "Apotheken Umschau" zu meinem Leitmedium geworden.Alfons Batke

Um es kurz zu machen: 66 hat meinem Dasein keinen besonderen Drive gegeben, sondern eher die Erkenntnis reifen lassen, dass die eigenen Ressourcen endlich sind – man nimmt seinen persönlichen Klimawandel wahr. Da bin ich schon dankbar, wenn es nützliche Ratgeber gibt, wie er aufzuhalten ist. Blätterte ich deswegen vormals häufiger in „Stern“ oder „Focus“, so ist nunmehr die „Apotheken Umschau“ zu meinem Leitmedium geworden. Und nützliche Anregungen dafür, wie jenseits der 66 das Leben sinnvoll zu gestalten ist, hole ich mir digital im „Deutschen Seniorenportal“.

Hier nun alle 26 Tipps aufzuführen, die mir für ein erfülltes Seniorenleben gegeben werden, würde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen. Aber in Erinnerung geblieben ist beispielsweise die Aufforderung, es doch einmal mit dem Gesellschaftstanz zu versuchen. Abgesehen davon, dass ich zu meiner aktiven Dancefloorzeit eher als Freestyler und dementsprechend individuell unterwegs war, fehlt mir für diese Beschäftigung das Taktgefühl – außerdem bestünde bei meiner Schuhgröße von 47 die Gefahr der Verletzung des potenziellen Gegenübers. Das lassen wir also fein bleiben. Ebenso wie das anempfohlene Werkeln mit Klemmbausteinen; ich war schon als Kind eher "Legostheniker".

Gefallen könnte mir die Idee, mich demnächst für Lachyoga anzumelden oder einen Kurs für veganes Kochen zu belegen. Oder, auch das wird im Portal angeregt, mal die Bewerbungsmappe für eine Karriere als Seniorenmodel einzureichen. Ich sehe mich schon in eleganten italienischen Slipper, beigen Chinohosen, lässigem dunkelblauen Jackett und pinkem Polohemd als Werbeträger für einen Treppenlift. Ja, mit 67 Jahren, da fängt das Leben an . . .


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.
  • Den Autoren erreichen Sie unter redaktion@om-medien.de.

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