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Der die Zeichen liest

Kolumne: Auf ein Wort - Auch Christen brauchen eine Corona-Impfung. Krankheiten lassen sich nicht einfach "wegbeten". Denn: Einfache Rezepte gibt es in der Bibel nicht.

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Was uns kränkt, das kann uns krankmachen. Das gilt sogar für die Religion. Das ist das Thema eines bemerkenswerten russischen Filmes von Kirill Serebrennikov aus dem Jahr 2017. Er heißt „Der die Zeichen liest.“ Erzählt wird die Geschichte des Jugendlichen Benjamin, der in Kaliningrad aufwächst. Er ist tief davon überzeugt, dass die ganze Welt krank ist. Es gibt für ihn nur ein Heilmittel: die Bibel. Er nimmt die Bibel buchstäblich und mit jedem Buchstaben drückt er die Menschen an die Wand.

Dazu einige Beispiele: Benjamins Mutter ist geschieden und alleinerziehend, weil ihre Ehe unerträglich war. Für Benjamin steht sie damit schon mit einem Bein in der Hölle. Denn die Frau soll ihrem Mann untertan sein. Im Schwimmunterricht führt er einen Kreuzzug gegen die Bikinis der Mitschülerinnen. Und als die Biologielehrerin der Klasse die Evolutionslehre nahebringen will, kommt er im Gorilla-Kostüm. Ich lasse mich von der Wissenschaft nicht zum Affen machen, will er damit sagen. Benjamin hält pausenlos Predigten.

Das bekommt ein Mitschüler zu spüren, der genau wie Benjamin ein Außenseiter ist. Er hat einen leichten Gehfehler, den Benjamin durch Beten heilen will. Aber das kranke Bein wächst natürlich nicht nach. Aber eine zarte Freundschaft ist zwischen den beiden gewachsen. Als der Freund ihm seine Liebe zeigen will, schlägt Benjamin ihn brutal nieder. Doch eigentlich schlägt er damit sich selbst und seine eigene uneingestandene Homosexualität. Der Film zeigt: Benjamin erlebt kaum erwachsene Menschen, die selbst für irgendetwas brennen. Also sucht er nach einer heißen Botschaft, die auf alles eine einfache Antwort weiß. Aber Krankheiten lassen sich nicht einfach „wegbeten“. Einfache Rezepte gibt es nicht in der Bibel.

"Bibel und Gebet können keine Impfung ersetzen. Warum sollten sie?"Pfarrer Dr. Marc Röbel

Der Film erinnert Christen aller Konfessionen daran: Es reicht nicht, die Bibel buchstabengetreu zu befolgen. Darum ist es beispielsweise sehr schade, wenn Christen die Corona-Impfung verweigern und sich dabei auf die Bibel berufen. Bibel und Gebet können keine Impfung ersetzen. Warum sollten sie? Der medizinische Sachverstand und die ärztliche Heilkunst sind eine Gabe des Schöpfers.

Es ist eine pseudochristliche Ideologie, die manche Christen sagen lässt: Ich brauche die Impfung nicht. Gott wird mich ohne diese menschlichen Hilfsmittel retten. Genauso könnte man sagen: Ich schnalle mich beim Autofahren nicht an. Der Himmel wird mich auch ohne diese Sicherheitstechnik beschützen. Es ist schon schlimm genug, das eigene Leben aufs Spiel zu setzen. Aber das Leben anderer durch „frommen“ Leichtsinn zu gefährden, ist unchristlich. Die Botschaft will in die Wirklichkeit hinein buchstabiert werden. Wie hat es ein geistlicher Autor einmal formuliert? Gott umarmt uns durch die Wirklichkeit.


Zur Person

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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