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Der Ausbau der Steinfelder Kläranlage kostet mindestens 20 Millionen Euro

Sowohl das Abwasserwerk selbst als auch das Leitungssystem müssen an die steigenden Belastungen angepasst werden. Die Arbeiten sollen bis Ende 2023 abgeschlossen sein.

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Wachstum um jeden Preis: Die Kläranlage Steinfeld an der Dinklager Straße in Düpe – hier in einer Luftaufnahme aus dem September 2020 – hat ihre Belastungsgrenzen überschritten und muss ausgebaut werden. Foto: Gemeinde Steinfeld

Wachstum um jeden Preis: Die Kläranlage Steinfeld an der Dinklager Straße in Düpe – hier in einer Luftaufnahme aus dem September 2020 – hat ihre Belastungsgrenzen überschritten und muss ausgebaut werden. Foto: Gemeinde Steinfeld

"Sie betreiben eine Kläranlage auf des Messers Schneide." So eindringlich, so klar hat Jürgen Varnhorn jüngst im Steinfelder Betriebsausschuss noch einmal die Notwendigkeit der Erweiterung der Kläranlage in Düpe ins Bewusstsein gerufen. Eine Woche später wiederholte er im Gemeinderat seine Präsentation – mit derselben Dramatik. Der Mitarbeiter des Ingenieurbüros Frilling + Rolfs aus Vechta erläuterte ausführlich das Ausbaukonzept sowie die Pläne für eine Erneuerung und Modernisierung des Abwassertransportsystems. 

Dass das Projekt für die Gemeinde Steinfeld ein sehr kostspieliges Unterfangen wird, hatten wohl alle Beteiligten bereits im Vorfeld erwartet. Diese Annahme wurde nun mit konkreten Zahlen untermauert. Für den Ausbau der Kläranlage rechnet Varnhorn mit Kosten von etwa 15,8 Millionen Euro brutto. Für die Anpassung des Leitungsnetzes und die Umrüstung der Pumpwerke veranschlagt der Planer etwa 3,77 Millionen Euro brutto.

Varnhorn zeigte nachdrücklich auf, dass das zweiteilige Vorhaben alternativlos ist, um die Abwasseraufbereitung in Steinfeld auch künftig zu gewährleisten. Mit einer Investitionssumme von zusammengerechnet etwa 20 Millionen Euro, die Politik geht sogar von einer noch höheren Summe aus, wird es damit das teuerste Projekt in der Gemeindegeschichte.

Politik will Prognose: Wie wirken sich die Investitionen auf die Gebühren aus?

Der Steinfelder Rat hat die Gemeindeverwaltung nun damit beauftragt, die vorgestellten Konzepte weiterzuverfolgen. Das Gremium folgte damit einer Empfehlung des Betriebsausschusses. Auf Beschluss des Verwaltungsausschusses wurden bereits die Gewerke für den Neubau eines Schlammspeichers vergeben.

Die Gemeinde hat im weiteren Prozess noch einige Hausaufgaben zu erledigen: Zum einen muss sie eine Prioritätenliste für die verschiedenen Investitionen erstellen. Weiter fordert die Politik eine Prognose, wie sich das Millionenprojekt voraussichtlich auf die Gebühren auswirkt – sprich: mit welcher Mehrbelastung die Bürger rechnen müssen – und welche Finanzierungsmodelle es gibt. Schließlich soll die Verwaltung prüfen, ob es möglicherweise wirtschaftlicher wäre, die Kläranlage an einen Dritten zu verkaufen.

Abwassermenge ist drastisch gestiegen, aber die Technik ist auf dem alten Stand

Die Ausgangslage: Varnhorn führte aus, dass das in Steinfeld und Mühlen anfallende Abwasser derzeit über ein verbundenes Druckrohrleitungsnetz zur Kläranlage nach Düpe abgeleitet wird. Dieses System aus Leitungen und Pumpstationen besteht seit mehr als 3 Jahrzehnten, also in etwa so lange wie das Abwasserwerk.

Durch den drastischen Anstieg beim Abwasseraufkommen in jüngerer Zeit ist das System weitgehend ausgelastet. Varnhorn sagte, dass zeitweise am Pumpwerk Bahnhof derart hohe Abwassermengen aufträten, dass es zum Rückstau ins Kanalnetz komme. Eine Prognose zu den Belastungen an den Pumpstationen bis 2023 und in den nachfolgenden Jahren zeigte eine weitere deutliche Zunahme.

Die Situation an der Kläranlage ist weitaus prekärer. Varnhorn erläuterte, dass die Belastungen für das Abwasserwerk von 2017 bis 2020 um 67 Prozent angestiegen seien. In Zahlen gestaltet sich dies wie folgt: Während vor 4 Jahren noch 49.405 Einwohnerwerte (EW) gemessen wurden, so waren es Ende des vergangenen Jahres 82.675.

Kläranlage ist deutlich überlastet

Zur Erläuterung: Bei Abwässern von Industriebetrieben, insbesondere Schlachtereien, sind die Schmutzfrachten deutlich höher als bei Privathaushalten. Deshalb wird der EW als Referenzwert herangezogen. Ein EW steht für einen Steinfelder Bürger.

Varnhorn sagte: "Die rechnerisch zulässige Auslastung liegt bei etwa 74.000 Einwohnerwerten." Er attestierte der Kläranlage eine "nicht unerhebliche Überlastung", die bisher aber noch aufgereinigt werden könne. "Die geltenden Überwachungswerte können eingehalten werden", betonte er.

Expertenrat: Neue Leitung, stärkere Pumpen

Die Überlastung hat jedoch auch Folgen für die Schlammbehandlung: Die Entwässerbarkeit ist schlecht, die Lagerfähigkeit des behandelten Schlamms ist nur noch bedingt gegeben. 

Die Konzepte: Um den prognostizierten Entwicklungen in den kommunalen und gewerblichen Bereichen in den kommenden Jahren gerecht zu werden, hat das Ingenieurbüro Frilling + Rolfs ein Konzept zur künftigen Abwasserableitung in Steinfeld erarbeitet.

Dieses sieht vor, dass das Pumpwerk Mühlen durch den Bau einer separaten Leitung vom bisherigen System abgekoppelt und zusätzlich mit größeren Pumpen aufgerüstet wird. Die neue Leitung soll vom Wieferichs Kamp über eine Strecke von etwa 2 Kilometern direkt zur Kläranlage führen. Zudem soll am Bahnhof – an der Industriestraße/Ecke Drosteweg – auf einer Gemeindefläche eine neue Pumpstation mit trocken aufgestellten Pumpen gebaut werden. Beiden Maßnahmen wies Varnhorn eine hohe Priorität zu. 

Falls die Abwassermengen in den kommenden Jahren wie erwartet ansteigen, sollte die Gemeinde laut Varnhorn außerdem das Hauptpumpwerk am Honkomper Weg mit größeren Pumpen aufrüsten. In jedem Fall müsse der Regenwasserspeicher aufgegeben werden, der baulich in einem ungenügenden Zustand sei. Am Pumpwerk Bergmannstraße, einer untergeordneten Station, sind laut dem Planer keine Investitionen erforderlich.

Käranlage soll bis Ende 2023 ausgebaut werden

Weiter stellte Varnhorn einen Vorschlag für einen perspektivischen Ausbau des Systems vor, bei dem teilweise vorhandene Leitungen genutzt und das Hauptpumpwerk am Honkomper Weg nochmals aufgerüstet würden. Falls sich künftig im neuen Gewerbegebiet "Handorfer Straße II" ein abwasserintensiver Betrieb ansiedelen sollte, sagte der Planer, müsste am Rouen Kamp ein Pumpwerk errichtet und eine Direktleitung zur Kläranlage gelegt werden. Auf Nachfrage teilte Varnhorn mit, dass für jedes Einzelprojekt eine Bauzeit von etwa einem Jahr anzusetzen sei.

Laut den Plänen des Ingenieurbüros soll die Kläranlage bis Ende 2023 auf 117.000 EW ausgebaut werden. Derzeit laufen Untersuchungen zur Gewässerqualität des Harpendorfer Mühlenbachs, in den das gereinigte Abwasser eingeleitet wird. Varnhorn rechnete mit einem Abschluss der Analyse im Mai.

Sobald die Ergebnisse vorliegen, sagte er, müsse eine Abstimmung mit dem Landkreis erfolgen, um die Überwachungswerte festzulegen. "In Zukunft muss sichergestellt werden, dass die Qualität des Gewässers nicht zusätzlich verschlechtert wird", so Varnhorn.

Kläranalage soll Energie für den Betrieb produzieren

Zur künftigen Behandlung des Klärschlamms – einem immensen Kostenfaktor – hat ein Fachbüro bereits Batchfaulversuche zur Prüfung der Faulfähigkeit und Entwässerbarkeit durchgeführt. Die Untersuchungen zeigten laut Varnhorn, dass sich mit einer Ausfaulung und einem Zellaufschluss ein Trocknungsrückstand von 25 bis 26 Prozent erreichen lasse – ein gutes Ergebnis.

Anhand eines Lageplans erläuterte Varnhorn die verschiedenen Erweiterungsschritte: Neubau eines 2. Belebungs- sowie Nachklärbeckens, Erneuerung des Ablaufreglers, Frischschlammspeicher, Faulbehälter, Faulschlammspeicher, Gasbehälter (Blockheizkraftwerk), Notfackel, Maschinenhalle mit mechanischer Vorbehandlung und Flotation sowie Sanierung bestehender Bauwerke.

Varnhorn wies noch auf 2 weitere Punkte hin, die zu berücksichtigen seien: Durch die Etablierung eines Gasmanagements werde künftig ein Großteil der für den Betrieb der Kläranlage notwendigen Energie vor Ort produziert. Er schätzte den Anteil der Eigenversorgung auf etwa 80 Prozent.

Ferner teilte er mit, dass der Klärschlamm aufgrund der künftigen Anlagengröße ab 2029 nicht mehr landwirtschaftlich verwertet werden dürfe. Das bedeutet, dass der getrocknete Klärschlamm dann verbrannt werden muss. Dazu hat sich die Gemeinde bereits gewisse Kapazitäten bei der im Bau befindlichen Monoverbrennungsanlage in Bremen gesichert, an der unter anderem der Oldenburgisch-Ostfriesische Wasserverband (OOWV) beteiligt ist.

Firmen leiten mehr Abwasser ein

Die Debatte: Während der beiden Sitzungen musste Varnhorn zahlreiche Detailfragen beantworten. Auf Nachfrage von Heinrich Luhr (Gruppe UWG/SPD) zur Ursache für die Entwicklung erklärte der Planer, dass zahlreiche Firmen höhere Schmutzfrachten einleiteten. Eine Abfrage der Gemeinde zur künftigen Unternehmensentwicklung bei den Starkverschmutzern, zu denen Schlachtbetriebe und Logistikunternehmen zählen, ist in den Konzepten berücksichtigt worden. 

Während Varnhorn glaubhaft darlegte, dass der Aufbau einer eigenen Flotation im Abwasserwerk von Vorteil sei, weil die Gemeinde dann die Kontrolle behalte, plädierte Luhr für eine eingehende Ursachenforschung und Gespräche mit den Starkverschmutzern, um diese zum Aufbau einer Vorreinigung zu animieren. Der Vorsitzende der UWG/SPD-Gruppe kritisierte die Gemeindeverwaltung, die eine ausführliche Anfrage seiner Fraktion zu verschiedenen Daten seit einem Jahr nicht beantwortet habe. 

"Wenn du dir ein dickes Konzept wünschst, dann kriegst du dies auch."Bürgermeisterin Manuela Honkomp (CDU)

Luhr forderte außerdem zum wiederholten Male eine Aufarbeitung, warum die Anlage zur Entwässerung des Klärschlamms, die die Gemeinde etwa 1,4 Millionen Euro gekostet hatte, seit einiger Zeit nicht mehr funktioniert. Die Antwort von Varnhorn, dass dies mit einer Veränderung in der Zusammensetzung des Klärschlamms zusammenhänge, reichte dem Steinfelder nicht aus.

CDU-Ratsherr kann Anschuldigungen nicht nachvollziehen

Bürgermeisterin Manuela Honkomp sagte zu den Vorwürfen: "Wenn du dir ein dickes Konzept wünschst, dann kriegst du dies auch." Die Gemeinde gehe transparent mit dem Vorhaben um. Auf eine erneute Einlassung Luhrs kündigte sie an, dass die Gemeinde auf alle Fragen der UWG/SPD-Gruppe antworten werde.

Hubert Pille (CDU) verteidigte die Gemeinde. Er sagte, er könne Luhrs Anschuldigungen nicht nachvollziehen. Der Vorsitzende des Betriebsausschusses wies darauf hin, dass es sich bei den Prognosen um Maximalwerte handle, die von den Betrieben angegeben worden seien. "Auch die Betriebe haben ein Interesse daran, so wenig Wasser wie möglich zu verbrauchen."

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