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Der Aktivist mit der höheren Moral

Kolumne: Die Klimakrise werden wir nicht mit Schuldzuweisungen bezwingen. Die Proteste rund um den Ort Lützerath scheinen dies aber zu hinterfragen.

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Motiv 1: Mit einem Plakat in der Hand, bemalt mit einem gelben X, steht der Protagonist vor dem Abgrund und schaut grimmig in die Kamera. Motiv 2: Im Hintergrund ein Kohlebagger, jemand springt vor die Kamera, in der Hand wieder ein Schild. Motiv 3: Die Person auf dem Foto reckt die geballte Faust in die Höhe. Im Hintergrund sind wahlweise Polizisten, Kohlebagger oder Blockaden. Die Bilder aus Lützerath der vergangenen Wochen ähneln sich so sehr, dass der Eindruck erweckt werden könnte, vorab hätte jemand ein Drehbuch geschrieben. 

Es geht hier um ein Symbol – oder auch nicht. Einig darüber sind sich die Aktivistinnen und Aktivisten nicht. Doch geht es am Ende nicht auch ein Stück weit um die eigene Inszenierung? Influencer sind in den Zug gestiegen, um Fotos vor den Kohlebaggern zu machen. Sympathisanten der Klimaschutzbewegung – auch aus dem Oldenburger Münsterland – haben vor Ort protestiert. In Interviews bäumt sich die Grüne Jugend gegen ihre Mutterpartei auf. 

Immer wieder wird von ihnen betont, dass eine Debatte geführt werden muss. Man wolle zurück an den Verhandlungstisch. Die anschließend hervorgebrachten Argumente sind aber oftmals so absolut, dass sie von vornherein dies ausschließen: Der andere Standpunkt kann wahr sein.

"Wem nützt diese Form der Debatte? Ist es die eigene Vergewisserung darüber, dass man mit einer höheren Moral ausgestattet ist?"Jan-Christoph Scholz

Das ist ein Phänomen, welches schon länger rund um die Klimaschutzbewegung zu beobachten ist. Wir erinnern uns an die Protestaktionen der "Letzten Generation". Zudem ziehen die Beteiligten immer wieder das Argument hervor, dass die unabhängige Wissenschaft eindeutig die Position belegen würde. Man müsse nur auf die Fakten blicken. Das bedeutet im Umkehrschluss: Alle anderen – also auch die Politik – ignorieren konsequent die Wissenschaft. Das ist mehr als fragwürdig. Wem nützt diese Form der Debatte? Ist es die eigene Vergewisserung darüber, dass man mit einer höheren Moral ausgestattet ist?

Eine Demokratie sollte das Ziel haben, Debatten zu führen, bei der am Ende das beste Argument gewinnt. Daneben gehört zu einer Demokratie, dass Kompromisse gefunden werden. Es ist Fakt, dass das Gelände dem Konzern RWE gehört. Die Kohle darunter soll abgebaggert werden. Das ist sicherlich für das Klima schlecht und zu hinterfragen. Doch: Zur Wahrheit gehört auch, dass der Kohleausstieg in NRW um 8 Jahre vorgezogen wird und andere Dörfer nicht abgebaggert werden.

Die Klimakrise werden wir nicht mit Schuldzuweisungen bezwingen. Es reicht nicht, im Duktus eines wütenden Enkels, die bösen Babyboomer anzuprangern. Zu bedenken gilt, dass viele der heutigen Aktivistinnen und Aktivisten von dem Wohlstand (auch erreicht durch die maximale Ausbeutung der Natur) ihrer Eltern und Großeltern profitiert haben.

Das Problem der Klimakrise ist gewaltig. Es braucht dringend Lösungen. Die Gesellschaft und Politik müssen handeln. Wie lässt sich zukünftig genug Strom produzieren? Wie müssen wir die Landwirtschaft umbauen? Was können wir tun, um mit der zunehmenden Hitze im Sommer klarzukommen? Wie können wir eine weitere Erderwärmung stoppen? Welche Schutzmaßnahmen können wir ergreifen, um die Welt gegen steigende Meeresspiegel zu wappnen? Es braucht eine Debatte um Lösungen für diese Fragen und nicht die Bestärkung darin, mit einer vermeintlich überlegenen Moral ausgestattet zu sein.


Zur Person:

  • Jan-Christoph Scholz ist Reporter der OM-Medien.
  • Sie erreichen den Kolumnisten per E-Mail unter: redaktion@om-medien.de.

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