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„Daumenwerte“ aus dem Rat sind zu grob

Mehrkosten durch kfw-40: Grüne und SPD kalkulieren unter dem Strich mit einem Mehraufwand von 1,5 Prozent. Das sei Quatsch, halten Experten dagegen. Die Differenz zu kfw 55 sei viel größer.

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Freie Hand für die Bauherren: Diese Häuser zwischen Kessener Weg und Herzog-Erich-Ring entstehen noch ohne Energiespar-Auflagen der Stadt. In drei neuen Wohngebieten ändert sich das. Foto: Kreke

Freie Hand für die Bauherren: Diese Häuser zwischen Kessener Weg und Herzog-Erich-Ring entstehen noch ohne Energiespar-Auflagen der Stadt. In drei neuen Wohngebieten ändert sich das. Foto: Kreke

Durchs mathematische Niemandsland zwischen Raten und Rechnen tappte der Cloppenburger Rat, als die strittige Kostenfrage aufflackerte: Wie hoch werden künftig Bauwillige belastet, wenn die Stadt in drei neuen Wohngebieten den aufwändigen kfw-Standard 40 vorschreibt? Eine pauschale Antwort trauen sich Architekten und Energieberater kaum zu – ganz anders als Politiker.

So weissagte der fraktionslose Ratsherr Dr. Hermann Bergmann in der Debatte eine Kostensteigerung von glatt 15 Prozent, ohne den angeblichen „Erfahrungswert“ mit einer Erfahrung oder einer Quelle zu untermauern.

Grüne und SPD reagierten erbost, denn sie kalkulieren (wie die überwältigende Mehrheit des Rates) mit nur einem Zehntel dessen: höchstens 1,5 Prozent mehr, weil üppige Zuschüsse der kfw und die private Energieeinsparung vom Mehraufwand abzuziehen wären.

Der Schönheitsfehler dieser Rechnung: Sie ist für den weniger aufwändigen Standard kfw 55 kalkuliert worden. Energie-Fachleute aus der empfohlenen Expertenliste warnen vor jedoch vor Pauschalprognosen.

„1,5 Prozent sind Quatsch“, meint etwa Architekt Stefan Delius aus Ahlhorn, weil der technische Aufwand für kfw 40 deutlich größer sei. Ohne Wärmepumpe oder Photovoltaikanlage, ohne kontrollierte Lüftung und Ex­tra-Dämmung wäre der Standard nicht zu erreichen. „Da muss ich mich schon richtig anstrengen“, sagt der Energieberater.

Wenn die Rechnung aufgehen soll, ist Bescheidenheit nötig

Eine Generalberechnung lehnt Delius dennoch ab, da letztlich die (Komfort-)Wünsche des Bauherrn den Grundpreis und damit die Ausgangsgröße jeder Kalkulation bestimmen. Delius: „Wer heute kfw 40 baut, spart meist auch nicht an den Bodenfliesen.“ Soll heißen: Die ökologisch anspruchsvolle Kundschaft fordert auch sonst Qualität, die Geld kostet.

Alles auf den neuen Standard zu schieben, hält der Cloppenburger Architekt Andreas Walter für „unseriös“. Denn die Baukosten steigen auch ohne kfw 40. In einer Beispielrechnung kommt Walter allerdings zu dem Ergebnis: Wer die Bundesförderung voll in Anspruch nimmt und sich mit einem „Standardwohnhaus“ von 140 Quadratmetern begnügt, kann am Ende kfw 40 sogar kostenneutral einhalten. „Über 10 oder 20 Jahre betrachtet, wird es sogar billiger“, glaubt der Experte, weil die Einsparungen mit steigenden Energiepreisen wachsen.

Der Techniker und Planer Sergej Brandt hat gerade diese Preisfrage für einen Kunden durchkalkuliert und kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Bei 140 Quadratmetern und 250000 Euro reinen Baukosten liegt der Mehraufwand in diesem speziellen Entwurf um rund 11000 Euro höher als beim milderen Standard kfw 55. Das wären 4,4 Prozent mehr. Zu einem normal gedämmten modernen Haus würde der Abstand in der Modellrechnung 22300 Euro betragen – macht knapp neun Prozent.

Je individueller die Wünsche, desto größer der Aufwand

Brandt warnt allerdings dringend davor, solche Beispiele zu verallgemeinern. Denn je individueller die Wünsche der Bauherren und die Entwürfe der Architekten, desto größer wird der Aufwand. „Viele Ecken versauen kfw 40“, erklärt der Planer eine seiner Faustregeln. Die damit entstehenden Wärmebrücken auszurechnen (und für die kfw-Förderung nachzuweisen), erfordere großen Zeitaufwand, den nicht jeder Kunde verstehe.

Eine Herausforderung ist kfw 40 zudem für die Handwerksbetriebe: Sie müssen besonders sorgfältig arbeiten, weil jede Kante, jede Leibung hinterher bei der Abnahme und der Nachmessung zu kfw-Einsprüchen führen kann.

Nach dem ersten „Run“ auf die Zuschüsse sind Bauherren nach Beobachtungen von Brandt inzwischen zurückhaltender: Die vorgegebene Zinsbindung der kfw von nur zehn Jahren reicht ihnen nicht. „Die Leute wollen Sicherheit auf 20 oder 30 Jahre“, berichtet der Cloppenburger. Zudem lassen diese Kredite keine Sondertilgung zu. Wenn sich das Bauen in den drei neuen städtischen Wohngebieten jedoch privat rechnen soll, geht es nicht ohne – eine Zwickmühle für Bauwillige.

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