Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Das Wort zum Freitag

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Vor dem Hintergrund des Schlachtens in der Ukraine verblassen die bis vor Kurzem noch so penetrant wichtigen Themen wie Corona, Querdenker und Impfgegnerei.

Artikel teilen:

Am Donnerstag spielte das öffentlich-rechtliche Rentnerradio einen inzwischen 57 Jahre alten Klassiker, der wie die Faust aufs Auge passt, auch wenn er einst unter ganz anderen Vorzeichen entstand: Barry McGuires „Eve of Destruction“ ist zur Stunde genauso aktuell wie 1965, weil wir heute wieder am selben Abgrund stehen, wie in den alten Zeiten des Kalten Krieges.

Vor dem Hintergrund des Schlachtens in der Ukraine verblassen die bis vor Kurzem noch so penetrant wichtigen Themen wie Corona, Querdenker und Impfgegnerei. All die Debatten unserer Sofa-Gesellschaft wirken durch die Brille von heute wie Symptome einer dekadenten Society, die außer Instagram, Work-Life-Balance und Selbstverwirklichung um jeden Preis kein einziges ernsthaftes Thema mehr auf dem Schirm hat. „Uns geht’s zu gut“, mahnte schon die Großmutter väterlicherseits angesichts solcher Schieflagen. Früher hielt ich ihren Hinweis für maßlos übertrieben. Heute weiß ich, was sie meinte.

Wir tanzen um ein goldenes Kalb herum – auch wenn diese Metapher in einer deutschen Wirklichkeit aus 10 Prozent Veganern beziehungsweise Vegetariern etwas unschicklich gewählt ist. Wie dem auch sei: Das goldene Kalb liebt den Luxus, hält Frieden und Freiheit für selbstverständliche Soft Skills und kümmert sich in erster Linie um hippe neue Turnschuhe. Es verspottet mühsame parlamentarische Demokratiearbeit als Vereinsmeierei und sorgt vor allem auf kommunaler Ebene für erbärmliche Wahlbeteiligungen, die mehr als peinlich sind.

"Wir weicheiern uns durch die Gegenwart, pflegen unsere Luxusprobleme und sind dabei so oberflächlich geworden, dass es weh tut."Christian Bitter

Das goldene Kalb ächtet die Landwirtschaft in Deutschland und importiert die Eier zu Ostern aus Holland. Es hechelt einer ökologischen Stromerzeugungszukunft hinterher, die im echten Leben leider erst zur Hälfte angekommen ist und importiert dafür Atomstrom aus Frankreich.

Das goldene Kalb lobpreist einen spätmittelalterlichen Ablasshandel, der allen Ernstes mit CO₂-Ausgleichszertifikaten dealt. Es verhöhnt die Kirchen aus der Sicht einer stets empörten Zivilgesellschaft, die nicht einen Deut besser ist, aber mit erhobenem Zeigefinger von jeder Hinterhofwerkstatt den Nachweis handfest praktizierter Corporate Social Responsibility einfordert.

Wir gefallen uns in Diskursen um korrektes Gendern, verplempern die Zeit mit verwirrten Montagsspaziergängern und verblasen durch schicke Wohnzimmerkamine mehr Feinstaub, als die Polizei erlaubt. Wir treiben jede Woche eine neue mediale Sau durchs Dorf, ersticken in einem Kettenhemd aus einstmals gut gemeinten Vorschriften und Paragraphen und heulen auf, wenn ein Spielplatzrutschengeländer ohne Bürgerbeteiligung montiert wird. Wir weicheiern uns durch die Gegenwart, pflegen unsere Luxusprobleme und sind dabei so oberflächlich geworden, dass es weh tut.

Schluss mit der Predigt, Köpfe hoch: Dass wir was ändern müssen, hat inzwischen jeder gemerkt. Dass es dazu eines Krieges bedarf, ist fürchterlich.


Zur Person:

  • Christian Bitter ist Chef der Werbeagentur Bitter & Co. in Calveslage.
  • Er studierte Germanistik und war Leiter der Werbe-Redaktion der OV.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an: redaktion@om-medien.de.

OM-hilft -  Helfen Sie mit! Das Oldenburger Münsterland hilft den Geflüchteten aus der Ukraine. Hilfsinitiativen, Wohlfahrtsorganisationen und viele mittelständische Unternehmen sind bereits dabei, die Hilfe vor Ort zu koordinieren. Und auch Sie können sich beteiligen. Wie und Wo? Das sagt Ihnen  die Webseite om- hilft.org

Das könnte Sie auch interessieren

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Das Wort zum Freitag - OM online