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"Das Schlimmste ist die Ungewissheit"

Im Raum Garrel leeren sich die Putenställe. Fast täglich treten jetzt neue Fälle der Vogelgrippe auf. Die Zeit rund um die Jahreswechsel ist für die Geflügelhalter vor allem mit Sorgen verbunden.

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Virusträger: Wildgänse geben H5N8 weiter. Ihre Zahl hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

Virusträger: Wildgänse geben H5N8 weiter. Ihre Zahl hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild/Patrick Pleul

Sein Name solle lieber nicht in der Zeitung stehen, sagt der Landwirt aus Garrel. Am vergangenen Wochenende hat das Veterinäramt seine Puten keulen lassen. Zuvor war in den Ställen die Vogelgrippe festgestellt worden. Für den Geflügelhalter bedeutet das nicht nur einen hohen wirtschaftlichen Verlust. Auch psychologisch hat ihn der Seuchenausbruch mitgenommen.

Gut vier Wochen noch hätten die Puten bis zur Mastreife benötigt. „Wegen der schwierigen Situation wären sie wahrscheinlich schon früher geschlachtet worden“, sagt der Mann. Prächtige Hähne seien es gewesen. „Die Herde machte sich sehr gut, die Futteraufnahme war hoch.“ Den letzten großen Seuchenzug im Winter 2016/17 hatte der Betrieb unbeschadet überstanden. „Damals sagte ich mir, wenn es beim nächsten Mal genauso läuft, war es Können.“ Heute weiß er, dass er nur Glück hatte.

Schwerpunkt ist die Gemeinde Garrel

Als er die ersten toten Tiere entdeckte, schwante dem Garreler bereits nichts Gutes. Er alarmierte die Behörden. Eine Probe brachte schließlich die traurige Gewissheit. „Bis zum Abend waren schon zahlreiche Puten verendet.“ Dann rückte der Keultrupp an. Der Betriebsleiter half beim Aufräumen mit. Schön sei das nicht gewesen, die Tiere taten ihm Leid. „Aber es geht ja nicht anders.“  

Die Vogelgrippe wütet seit Ende Dezember im Landkreis Cloppenburg vor allem in Putenbeständen. Schwerpunkt ist die Gemeinde Garrel. Der hochpathogene Erreger H5N8 wurde inzwischen in mehr als einem Dutzend Betrieben nachgewiesen.   „Das Schlimmste ist, morgens die Stalltür zu öffnen und nicht zu wissen, was sich dahinter verbirgt“, sagt der Landwirt. Die Infektion lasse sich anfangs kaum erkennen. „Die Puten haben normal gefressen und auch sonst keine Symptome gezeigt.“ Doch dann sei alles zu schnell gegangen. „Das Virus ist sehr aggressiv. In Schleswig-Holstein sollen erkrankte Wildgänse ja tot vom Himmel gefallen sein“, berichtet der Mann. Ob die Geschichte stimmt, weiß er allerdings nicht.

"Das Virus hängt an den Federn, die sie beim Abfliegen verlieren."Geflügelzüchter aus Garrel (Name der Redaktion bekannt)

Die Ursache für das Desaster hat der Geflügelzüchter längst ausgemacht. Die Zahl der Wildvögel habe in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Auch in Garrel überwintern jetzt immer mehr Gänse. Sie suchen ihr Futter auf den anliegenden Getreidefeldern. „Das Virus hängt an den Federn, die sie beim Abfliegen verlieren.“ Der Wind, da ist sich der Landwirt sicher, trägt es danach in die Ställe. In seinem Fall sei es tags zuvor sehr stürmisch gewesen, erinnert er sich. Dass es vor allem die Puten treffe, liege daran, dass sie in besonders offenen Anlagen gehalten werden. „Die Tiere brauchen viel Luft, vor allem, wenn sie schwerer werden.“ Nicht einverstanden ist der Garreler deshalb mit Vorwürfen, die Landwirte selbst würden das Virus verschleppen. „Wir erfüllen die höchsten Hygieneanforderungen“. Als die ersten Fälle bekannt wurden, habe er seine Bemühungen sogar noch einmal erhöht. Genutzt hat es ihm nichts.

Hundertprozentiger Schutz nicht zu erwarten

Der Landwirt lobt das Krisenmanagement des Veterinäramtes. „Die Leute dort arbeiten professionell und sind uns Tierhaltern gegenüber zugewandt.“ Ob das auch für die Tierseuchenkasse gilt, weiß er noch nicht. Er hat den Schaden inzwischen angemeldet und hofft, dass die Kasse ihn angemessen entschädigt. Einen hundertprozentigen Schutz werde es wohl nicht geben können, glaubt er. Was er gut findet: Der Landkreis ermöglicht inzwischen schnelle Testungen bei Auffälligkeiten im Stall. Auf die Ergebnisse der Tupferproben zu warten, sei aber eine echte Nervenaufgabe. „Da kann man nachts nicht von schlafen.“

Die Vogelgrippe trifft die Putenhalter doppelt hart. Wegen der Coronapandemie ist auch der Markt für Geflügelfleisch unter Druck geraten. Vor allem der Wegfall der Gastronomie schmerzt. Der Garreler mästet außerdem Schweine - zurzeit ist das ebenfalls kein lohnendes Geschäft. Trotzdem wird er weitermachen und neue Puten einstallen, sobald das Seuchengeschehen wieder abebbt.

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