Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

"Das ist keine zweite Welle, sondern ein Tsunami"

Die Corona-Lage in Indien ist dramatisch. Marietheres Stoppel vom Arbeitskreis Indienhilfe Bakum erhält erschreckende Nachrichten aus dem südasiatischen Land.

Artikel teilen:
Dramatische Lage: In den indischen Krankenhäusern fehlt es an Sauerstoff und Krankenhausbetten. Foto: dpa/Sharma

Dramatische Lage: In den indischen Krankenhäusern fehlt es an Sauerstoff und Krankenhausbetten. Foto: dpa/Sharma

In keinem Land der Welt scheint die Corona-Lage gerade dramatischer zu sein als in Indien. Offiziellen Zahlen zufolge erreichten die erfassten Neuinfektionen in Indien 6 Tage in Folge weltweite Höchstwerte – zuletzt stiegen sie auf mehr als 350.000 innerhalb von 24 Stunden. 2.800 Menschen starben in diesem Zeitraum mit oder an Corona. In absoluten Zahlen hat Indien mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnerinnen und Einwohnern mehr als 17 Millionen Infektionen erfasst. Indische Medien gehen davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Opfer noch deutlich über die der offiziellen Statistiken liegt.

Das befürchtet auch Marietheres Stoppel vom Arbeitskreis Indienhilfe Bakum, die im ständigen Kontakt mit Projektpartnerinnen und –partnern steht. Sie sagt: „Vor circa einer Woche hörten wir noch gar nichts, nun aber viel Schlimmes.“ So habe eine Projektpartnerin geäußert: „Das ist keine zweite Welle, sondern ein Tsunami.“ Ärzte in der am schlimmsten betroffenen Stadt Neu-Delhi beschreiben, wie Patienten in kritischem Zustand auf der Straße starben, weil es an Krankenhausbetten oder medizinischem Sauerstoff fehlte.

Vermutlich viel unentdecktes Leid im Hinterland

So höre Stoppel von Projektpartnerinnen und Partnern vor Ort, dass seitens der Politik trotzdem viel verschleiert werde. Die Bevölkerung werde nicht ausreichend über die Corona-Pandemie informiert. Derzeit wird in einigen Bundesstaaten gewählt. Trotz des Infektionsgeschehens sei weiterhin zu Wahlkampfveranstaltungen aufgerufen worden; religiöse Feste, bei denen die Menschen in Scharen zusammenkommen, werden nicht unterbunden, sagt Stoppel. Schon vor Wochen sagte nach Angaben der Bakumerin eine Projektleiterin: "Vor den Wahlen wird eher beschönigt, erfahren wir möglichst nichts Negatives." Nun gebe es allerdings nichts mehr zu beschönigen. "Die Lage gerät außer Kontrolle."

Ein Bild aus unbeschwerteren Tagen: Im Juli 2019 waren Schwester Betsy (Zweite von rechts) und Schwester Annie (links daneben) aus Indien zu Gast beim Arbeitskreis in Bakum – hier vertreten durch die Vorsitzende Marietheres Stoppel und Maria Thieke-Wacker (rechts). Foto: FerberEin Bild aus unbeschwerteren Tagen: Im Juli 2019 waren Schwester Betsy (Zweite von rechts) und Schwester Annie (links daneben) aus Indien zu Gast beim Arbeitskreis in Bakum – hier vertreten durch die Vorsitzende Marietheres Stoppel und Maria Thieke-Wacker (rechts). Foto: Ferber

Im östlichen Bundesstaat Jharkhand befinden sich 3 der Lepra-Hilfsprojekte der Bakumer Indienhilfe. Von dort werde dem Arbeitskreis von "schlimmen Erkrankungen und Todesfällen" berichtet, sagt Stoppel. "In dieser einen Woche mehr als in der ersten Welle im letzten Jahr." Auch werde im Hinterland viel unentdecktes Leid vermutet. "In der ersten Welle lagen Tote dort oftmals tagelang."

In der Metropolregion Kolkata, wo das Straßenkinder- und Slumkinderprojekt sowie das Frauenhaus sind, sehe die Lage ebenfalls dramatisch aus, sagt die Bakumerin. So zitiert sie Schwester Beena: "In jedem Haus in der Umgebung gibt es nun Fälle." Fühlte man sich während der ersten Welle noch relativ geschützt, gehe jetzt die Angst um. Corona und andere Erkrankungen grassieren, auch unter den Schwestern, berichtet Stoppel. Doch die Kinder seien bisher "zum Glück" noch nicht erkrankt. "Es wurde überlegt, ob die Straßenkinder für einen Besuch wieder zu ihren Eltern auf die Straße dürften, nachdem sie diese ein halbes Jahr nicht besucht hatten. Glücklicherweise wurde das noch nicht in die Tat umgesetzt."

Befürchtung, dass Kranken- und Todesrate weiter steigt

In Assam, wo die Bakumer Indienhilfe Frauen- und Mädchenprojekte unterstützt, "scheint die Lage noch nicht so dramatisch zu sein, oder es wird nicht veröffentlicht", sagt Marietheres Stoppel. In den strukturschwachen, ländlichen Gebieten und Bergregionen werde viel weniger getestet, sei die Gesundheits- und Krankenfürsorge spärlich. "Hier erkranken und sterben Menschen an Covid-19, ohne dass sie registriert sind." Die Menschen könnten sich auch nicht in der Hütte verkriechen. "Sie müssen raus, um ihrem Tagewerk nachzugehen, arbeiten, damit sie nicht verhungern."

Man sieht derzeit in den Medien Aufnahmen von Krankenhäusern und Intensivstationen in Indien, die zeigen, wie dramatisch die Lage vor Ort ist. In Wirklichkeit sehe es sogar noch schlimmer aus, schildert Stoppel. "Ich hab in Indien so manches Krankenhaus gesehen, das nicht annähernd so ausgestattet war." Zusätzlich müsse bedacht werden, dass große Teile der Bevölkerung gar nicht erst in ein Krankenhaus kommen. "Sie können oft noch nicht mal einen Arzt bezahlen."

Marietheres Stoppel befürchtet, dass die Kranken- und Todesrate noch stark steigen werde angesichts der Tatsache, dass in den vielen Slums und auf den Straßen Kolkatas sowie anderen Millionenmetropolen unzählige Menschen "dicht an dicht" ungeschützt leben. Damit einher gehe auch die Hungersnot. "Millionen Menschen sind Tagelöhner und leben förmlich von der Hand in den Mund."

Mehrere Länder sichern Unterstützung zu

Pastor Boby Peter Pallickamalil von der katholischen Kirchengemeinde St. Gorgonius Goldenstedt und Vorstandsmitglied der Indienhilfe Dr. John in Lutten, erfährt selbst viel über die aktuelle Corona-Lage in Indien aus indischen Medien. Besonders im Norden des Landes sei die Lage dramatisch, sagt er. Sonst habe er persönlich wenig Informationen aus seinem Heimatland. "Meinen Eltern geht es soweit gut", weiß er zumindest etwas Positives zu berichten. Sie seien über 70 und blieben viel daheim. Der Geistliche stammt aus dem Bundesstaat Kerala an der Südküste Indiens.

Mehrere Länder einschließlich Deutschland haben Indien ihre Unterstützung zugesichert. Am Dienstagmorgen traf eine Lieferung medizinischer Hilfsgüter aus Großbritannien ein, wie das indische Außenministerium mitteilte. Darunter befanden sich demnach 100 Beatmungsgeräte und 95 Sauerstoffkonzentratoren. Diese sind weit verbreitet eingesetzte Geräte, in denen der Sauerstoff aus der Umgebungsluft angereichert wird.

Eine Reihe von Ländern wie Australien haben Flüge aus Indien ausgesetzt. Deutschland und weitere Länder haben die Einreise aus dem südasiatischen Land wegen der dortigen Virus-Variante stark eingeschränkt.

Der OM online Podcast. Thema  der neuen Ausgabe sind Kunstrasenplätze im Oldenburger Münsterland. Welche Halme sind die besten, wie steht es um Ökologie und Nachhaltigkeit? Und was haben geschredderte Olivenkerne mit dem Thema zu tun?  Jetzt reinhören! 

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

"Das ist keine zweite Welle, sondern ein Tsunami" - OM online