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Das Glück ist eine Insel

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Nach fast zwei Jahren Corona-Pandemie sehnt man sich ab und an danach, einfach abzuschalten, quasi nach einer (nahezu) einsamen Insel.

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Der Autozug ab Niebüll ist seit Tagen gebucht, die Abfahrt Flensburg in Sichtweite. Ab nach Sylt! Zehn Tage, in denen ich von Corona nichts hören und sehen will. Ein Selbstversuch. Längst vollständig geimpft, vor wenigen Wochen geboostert, FFP2-Masken an Bord, Abstände sind mir ohnehin äußerst willkommen. Alles andere, das mit der Pandemie zu tun hat, lasse ich mit diesigem Wetter am Festland zurück, als der "SyltShuttle" mit mir und meinem Wagen über den Hindenburgdamm ruckelt. Durchatmen, als ich im Abendlicht den Turm von St. Severin in Keitum am Horizont erkenne: endlich zurück im zweiten Zuhause!

Der erste Abend im Wohnzimmer, drei vor acht. Gleich kommt die Tagesschau. Kurz reinschauen? Fleitjepiepen! Heute ist es Zeit für American Football, Rotwein und einen großen Teller Pesto-Pasta.

Am nächsten Morgen, der vor dem Hintergrund des spanischen Schlummertrunks durchaus deutlich nach 7 Uhr beginnt, werde ich nicht etwa von der Neugier nach den neuesten Corona-Entwicklungen geweckt – sondern vom Geschrei der Möwen, das mich gen Bad lotst. Zu Fuß schlendere ich später zu Bäcker Raffelhüschen, der mir zwei 11-Uhr-Croissants eintütet und sich mit dem Mann aus dem Brathähnchen-Wagen unterhält – über die göttliche Ruhe auf der herbstlichen Insel. Nicht über Biontech, Moderna oder 2G-Plus.

In den folgenden Tagen hole ich raus, was geht. 10 bis 15 Kilometer laufe ich am Tag durch die Dünen, lasse mir am Strand zwischen Wenningstedt und Westerland den eisigen Nordseewind um die Nase wehen. Ob die Niederlande gerade in den Lockdown gehen oder Österreich zum Hochrisikogebiet gekürt wird? Mir sowas von egal! Ob Mediziner, Wissenschaftler und Politik gerade beim 83. Gipfel debattieren, wer wann wie oft womit geimpft werden soll? Meinetwegen – ich spaziere durch Keitum, entlang uriger Reetdachhäuser, einst von reichen Walfang-Kapitänen erbaut.

"Wenn ich abends fernsehe, komme ich um Lauterbach nicht umhin. Aber meiner heißt Heiner. Karl wird hier nicht beherbergt."Heiko Bosse

Delta? Omikron? Bäcker Ingwersen in Morsum hat "Lübecker Nusstorte" und "Sylter Rose" in der Auslage. "Moin! Ein Königreich für einen starken Kaffee – schwarz!" Wenn ich abends fernsehe, komme ich um Lauterbach nicht umhin. Aber meiner heißt Heiner. Karl wird hier nicht beherbergt.

Minutenlang stehe ich am Strand von Westerland auf der Stelle und atme Aerosole ein, die mir – nicht die dritte oder vierte, sondern – jede einzelne Welle der schäumenden Nordsee entgegenschlägt. Sie riechen nach Salz, nicht nach Ärger. Im Lister Hafen sensibilisiert ein Holz-Aufsteller von Promi-Fischwirt Jürgen Gosch die hungrigen Besucher vorm Betreten der Tonnenhallen: "Unsere Kunden – mit Abstand die besten". Corona mit Augenzwinkern – geschenkt!

Am vorletzten Tag meines Aufenthalts stehe ich früh morgens bei minus zwei Grad auf der Uwe-Düne, dem höchsten Punkt der Insel. Ob das RKI in diesem Moment neue – gute oder üble – Zahlen meldet? Weiß der Geier! Die Möwe, die den Frühnebel zwischen mir und dem immerwährenden Puls des Kampener Leuchtturms kreuzt, zumindest nicht.

Als ich tags darauf, 400 Kilometer südlich, wieder daheim bin, stelle ich fest, dass alles beim Alten ist – wie zehn Tage zuvor. Corona macht eh, was es will – egal, ob ich mich davon vogelig machen lasse oder nicht. Ich kann Corona-Pausen nur empfehlen. Oh, mach mal lauter! "Die Ärzte" auf Welle-Nord: "Ich will zurück nach Westerland..."


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per Mail an: redaktion@om-medien.de.

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