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Das aufgeschobene Leben

Kolumne: Auf ein Wort – Wir brauchen mehr Zeiten, um menschlich und geistlich durchzuatmen. An Pfingsten erwarten wir den frischen Atem Gottes, den Heiligen Geist.

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Das lästige Referat, die nervige Erledigung, der unangenehme Anruf – das sind Dinge, die wir gerne aufschieben. Aber es gibt auch bereichernde Aspekte, von denen wir eigentlich wissen, dass sie uns guttun. Aber es kommt nicht dazu. Das Leben kommt dazwischen. Das Leben? Das hat der Sportjournalist Mitch Albom auch lange Zeit gedacht. Sein Leben besteht aus Arbeit. Bei vielen Dingen sagt er sich: Nicht jetzt. Eines Tages, wenn die Zeit da ist. Das Problem ist nur: Mitch hat niemals Zeit. Die Zeit hat ihn. Er hat äußerlich viel Erfolg in seinem Job. Aber innerlich bleibt er leer. Und diese Leere füllt er mit noch mehr Arbeit und noch mehr Erfolg aus. Nachts im Hotelzimmer zappt er durch die Fernsehkanäle.

Da sieht er auf dem Bildschirm ein vertrautes Gesicht. Es ist sein alter College-Professor Morrie Schwartz. "Dienstags bei Morrie", das ist ein Film für alle, die eigentlich keine Zeit haben.

"Vielleicht sollten wir uns bewusst vom Leben in der Pandemie verabschieden."Pfarrer Dr. Marc Röbel

Er basiert auf einem Buch, einer wahren Geschichte. Die handelt von dem Leben, das wir gerne aufschieben. An das eigene aufgeschobene Leben wird Mitch durch den Fernsehbericht über seinen alten Lehrer erinnert. Morrie war für Mitch so etwas wie eine weise Vaterfigur gewesen. Jetzt erzählt Morrie im Fernsehen von seiner Nervenkrankheit ALS. Morrie sitzt im Rollstuhl. Aber er spricht wie jemand, der noch viel zu sagen und zu geben hat.

Für Mitch ist das der entscheidende Impuls. So schnell es geht, steigt er ins Flugzeug, besucht seinen alten Lehrer und die Freundschaft lebt wieder auf. Ihnen bleiben vierzehn Wochen bis zu Morries Abschied.

Ist die Pandemie ein Zeitgeschenk?

Der viel beschäftigte Mitch reserviert jetzt jeden Dienstag für ein Treffen mit Morrie. Die beiden sprechen über das Glück und den Tod, die Liebe und das aufgeschobene Leben. Der Film mit Jack Lemmon als Morrie berührt mich. Auch in meiner Geschichte gibt es so einen "Morrie". Wann habe ich ihn das letzte Mal besucht oder angerufen? Mitch Albom hat sich Zeit für den bewussten Abschied von Morrie genommen. Vielleicht sollten wir uns bewusst vom Leben in der Pandemie verabschieden. Gab es in den letzten Monaten für mich vielleicht das ein oder andere ungeplante Zeitgeschenk? Habe ich mich dem aufgeschobenen Leben widmen können? Und was davon nehme ich mit in die neue Zeit, wenn der Corona-Spuk vorüber ist? Wir brauchen mehr Morrie-Zeiten, die nicht verplant und verzweckt sind.

Vor allem brauchen wir mehr Zeiten, um menschlich und geistlich durchzuatmen. An Pfingsten erwarten wir den frischen Atem Gottes, den Heiligen Geist. Rose Ausländer dichtet: "Mein Atmen heißt Jetzt." Dieser Atem rüttelt uns auf und macht uns Mut, das Aufgeschobene ins Leben kommen zu lassen. Pfingsten ist so etwas wie ein Mut-Anfall des Heiligen Geistes. Möge er auch unseren Kalendern frischen Wind einhauchen. Das könnte uns heilen von der "Aufschieberitis".


Zur Person

  • Pfarrer Dr. Marc Röbel ist Geistlicher Direktor der Katholischen Akademie in Stapelfeld.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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