Das Nachrichtenportal vonMünsterländische Tageszeitung MT undOldenburgische Volkszeitung OV

Darf ich Ihnen das "Sie" anbieten?

Kolumne: Das Leben als Ernstfall – Wenn man einander kennt und schätzt, sagt man "Du" – erst dann. Leider begegnet man im Alltag immer wieder Zeitgenossen, die ungefragt allzu kumpelhaft auftreten.

Artikel teilen:

„Was soll’s denn sein?“, fragt die freundliche Bäckereifachverkäuferin die Dame direkt vor mir an der bunten Auslage. „Och, gib mir mal so’n Camping-Brötchen“, kommt als Antwort. „Soll ich’s Ihnen einpacken oder essen Sie’s gleich?“ Moment, denke ich, waren die beiden nicht per Du..? Und fühle mich in dieser Annahme bestätigt, als die Kundin antwortet: „Nee, kannste mir ruhig direkt auf die Hand geben.“ Erst als die Dame hinterm Tresen „Ihnen noch einen schönen Tag“ wünscht, zieht sich in mir jede Faser beschämt zusammen, sind die beiden einander doch ganz offensichtlich nicht mehr und nicht weniger als: wildfremd.

Es ist einer dieser Momente, die einen fassungslos zurücklassen. Es ist die plumpe, respektlose Duz-„Kultur“, die teils auf grauseliger Kinderstube, teils auf anbiederndem Kalkül fußt. Kennen Sie diese Beratungsgespräche, bei denen Sie einem jungen (provisions-)motivierten Mann gegenübersitzen, der vor nicht mehr als 5 Minuten in Ihr Leben getreten ist, sich aber direkt fürsorglich nach Ihrem jüngsten Urlaub und dem Befinden des Vierbeiners erkundigt? Gern wird dabei rasch ein „können Sie“ durch ein „kannste“ ersetzt. Jedes Mal fühle ich mich fast beleidigt, hält mein Gegenüber mich offensichtlich für einfältig genug, mich zügiger für den Abschluss der Riester-Rente, der Privathaftpflicht oder den Kauf des Autos zu entscheiden, wenn mir verbal menschelnde Nähe vorgesetzt wird. Und dass wir zwei Brüder im Geiste dann auch noch unisono Schwarz für die ansprechendste Autofarbe halten – ja, Freunde, Zufälle gibt’s!

Jedoch, wir befinden uns erst in Liga 3. Der wahre Profi des anbiedernden Duzens zeigt sich nämlich auf noch perfidere Weise: Er täuscht Anstand vor und spricht Einzelpersonen mit „Sie“ an, schwenkt bei der Gruppenansprache aber galant wie ungehobelt auf ein „Ihr“ und „Euch“ um.

"Genießen wir professionelle Distanz, wie sie schon Netzer und Delling nie schadete!"Heiko Bosse

Auch in Großkonzernen ist es seit einigen Jahren mächtig angesagt, ja, geradezu „state of the art“ und „teambuildend“ noch dazu, über alle Ebenen hinweg „Du“ zueinander zu sagen – vom Concierge bis zum Vorstandschef. Und die übersichtlich formulierte Frage muss erlaubt sein: warum, verflixte Kiste?! Ist es für den Angestellten wirklich ein Segen, Dr. Müller aus der Teppich-Etage plötzlich mit „Wilfried“ anzusprechen? Und umgekehrt: Wird das „Du“ in Wilfrieds Vorstandsbrust ernsthaft solch herzerwärmende Bande knüpfen können, dass er seinen neuen Duz-Freund Hartmut aus der Schadensregulierung zur nächsten Sonntags-Matinee im Privatgarten begrüßt? Man möchte Zweifel hegen…

Also: Genießen wir doch unser „Sie“, um das uns andere Nationen beneiden! Genießen wir professionelle Distanz, wie sie schon Netzer und Delling nie schadete! Dann ersparen wir uns auch Szenen, wie jene, die ich einst live am Schreibtisch miterleben durfte und in der ein äußerst penetranter Besucher, der meiner Einschätzung nach seit dem Vormittag mit „Maria Cron“ per Du war, meinem Kollegen sein Anliegen vortrug. Und sich irgendwann vertraut nach vorn beugte, um zu erklären: „Ich bin übrigens Hermann. Und wie heißt du?“ Die Antwort meines Kollegen: „Herr Möller!“ Es gibt Momente, die kannste dir aus Draht nicht nachbiegen.


Zur Person:

  • Heiko Bosse ist Mitglied der Chefredaktion der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per Mail an: redaktion@om-medien.de.

Sie wollen nichts verpassen, worüber das Oldenburger Münsterland spricht? Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter „Moin, OM!“. Er fasst für Sie das Wichtigste für den Tag auf einen Blick zusammen – immer montags bis freitags zum Start in den Tag.  Hier geht es zur Anmeldung 

Hier klicken und om-online zum Start-Bildschirm hinzufügen

Darf ich Ihnen das "Sie" anbieten? - OM online