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Danke Opa

Kolumne: Notizen aus dem wahren Leben – Auch wenn er sein großes Ziel nur zu 90 Prozent erreicht hat, bleibt Opa Schröer nicht nur der Börsenwelt in bester Erinnerung.

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100 Jahre zu werden, das war sein großes Ziel. Jedem im Ort, der ihn auf seiner Runde mit seinen Walkingstöcken noch mit 90 Jahren traf, erzählte mein Vater von diesem Ziel. Immer mit dem leichten Grübeln als Zusatz, dass schon ziemlich viele von seinen Bekannten nicht mehr da sind. „Dei sünd all bi dei groten Armee im Himmel, dor will ick noch nicht hen“. Jetzt ist er leider friedlich mit 90 Jahren eingeschlafen.

90 Prozent seines Lebenszieles hat Opa – wie wir ihn in den letzten Jahren nur noch nannten – bei vollem Bewusstsein und Schaffenskraft erreicht. Noch 2 Tage vor seinem Tod erwartete er dringend die neuen Aktienkurse, um zu verkaufen oder zu kaufen, wovon wir alle „gar nichts verstehen“.

Der Chefredakteur der Zeitung Capital war sein Verbündeter, einer der treuesten Leser war Opa, auch wenn seine Geldanlagen bestimmt nicht riesig waren. Die Kondolenz-Mail aus der Börsenwelt mit dem Gruß „Wir werden seine Anrufe 'Hier Schröer, Emstek!' vermissen“ hat uns alle schlucken lassen.

Morgens weckte Opa energisch mit dem kurzen Ausruf "Frühschwimmer"

So geht es nun jeden Tag. Wenn ich die Badehose aus dem Schrank hole, um zum Schwimmbad zu fahren, höre ich seine Stimme, wie er früher energisch morgens um 6 Uhr im Hausflur stand und uns mit einem kurzen „Frühschwimmer“ weckte – wir quälten uns aus den Federn und folgten – noch heute. Wenn abends die Laune mäßig war und wir lieber nicht störten, wussten wir bald, dass die Kasse im Laden meistens wetterbedingt nicht so voll war, wie erhofft – auch das kann ich heute sehr gut verstehen.

Seine Heimat liebte Opa über alles, Emstek war nicht nur an der Börse für ihn der Nabel der Welt. Unvergessen ein Familienausflug nach Schillig an die Nordsee, er freute sich auf die Emsteker DLRG-Wächter am Strand. Kaum am großen Strandparkplatz angekommen, fragte er sofort selbstbewusst die ersten wildfremden Touristen „Häbbt gi dei Emsteker seihn?“.

Auch wenn Opa lebenslang der konservativen Mehrheitspartei unserer Region engstens verbunden war, lehrte er uns die Demokratie schon im Schlafanzug. Einmal im Jahr hielten wir vier Jungs nach der Badewanne im Nachtpolter unsere Wahlkampfreden und meine Eltern, die Tante und die Großeltern wählten mit Opa als Wahlleiter den Familienvorstand für ein Jahr – die Lust an der Politik ist uns allen geblieben. Auch wenn der ein oder andere von uns in die für Opa absolut falsche Partei rutschte, so wie Altkanzler Schmidt, den er mochte – obwohl er für ihn bei den Falschen war.

„Jetzt fehlt er uns sehr, dem Ort und all seinen Mitarbeiterinnen, aber allein seine Sprüche lassen ihn überall weiterleben.“Antonius Schröer

Auch das Laufen hat er uns gelehrt, damals, als noch niemand joggte, rannte er bereits mit seiner ganzen Kinderschar abends im Desum um den Pudding – seiner 4,6-Kilometer-Strecke blieb er noch mit 89 Jahren mit Walkingstöcken treu – bis wir ihm die Stöcker sicherheitshalber versteckten. Opas Strecke wird für ewig bleiben.

Jetzt fehlt er uns sehr, dem Ort und all seinen Mitarbeiterinnen, aber allein seine Sprüche lassen ihn überall weiterleben. Wenn im Geschäft mal was schiefging, streckte er nur seine Hand aus und tröstete „Solange die Finger an deiner Hand nicht gleichlang sind, lernt man immer noch dazu“.

Und von oben aus dem Himmel bei all seinen Freunden, zu denen besonders auch – bei aller Leidenschaft fürs Geschäft – sein direkter Mitbewerber im Ort zählte, ruft er uns bestimmt wie immer zu: „Wenn schon Mist – dann Optimist“.


Zur Person:

  • Der Autor Antonius Schröer führt mehrere Modehäuser.
  • Er verkörpert das Vechtaer Original „Straßenfeger“ im Karneval.
  • Kontakt: redaktion@om-medien.de.

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