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Da war da noch die Sache mit dem Teleskopstock

Kolumne: Recht hat, wer Recht bekommt – Ein 15-Jähriger wird von zwei Heranwachsenden mit einer Waffe beraubt. So weit, so klar ... bis es vor Gericht ging.

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Das Jugendstrafrecht ist ein Sonderstrafrecht für junge Täter; sie sind zwar keine Kinder mehr, aber eben auch nicht erwachsen. Unterschieden wird zwischen Jugendlichen ab 14 Jahre und Heranwachsenden von 18 bis 21 Jahre. Und: Wenn sich junge Angeklagte vor dem Jugendgericht verantworten müssen, kommt in der Regel keine „große“ Strafe heraus.

Eine Begebenheit am 5. Januar 2022 in Lohne in der Nähe des Busbahnhofs hatte mich zu einer Verhandlung ins Jugendgericht geführt. Der Tathergang hatte mein Interesse geweckt: Angeklagt waren ein 16-Jähriger wegen räuberischer Erpressung und ein 21-Jähriger wegen fehlender Hilfeleistung. Das, was die Staatsanwaltschaft als Anklage vortrug, war allerdings bei Weitem nicht das Gleiche, was nach der 2-tägigen Verhandlung herauskam. Es wurde gelogen, dass die Balken sich biegen. Und man wunderte sich, dass sich so junge Leute nicht erinnern können.

Laut Anklage verhielt es sich so: Der 16-Jährige und der 21-Jährige hielten sich an dem Tag in der Nähe des Busbahnhofes auf und sahen, wie ein 15-Jähriger, den sie kannten, aus der Sparkasse kam. Sie sprachen ihn an, gingen in eine Passage. Der 16-Jährige zog einen Teleskopstock aus der Tasche und forderte von dem 15-Jährigen, seine Taschen auszuräumen. Das machte der 15-Jährige auch. Geld allerdings hatte er nicht dabei: Er hatte Euro eingezahlt, nicht abgeholt. Im Übrigen schuldete der 16-Jährige dem 15-Jährigen noch 30 Euro. Der 21-Jährige, dem der Teleskopstock gehörte, stand nur dabei.

"Die Aussage des Hauptzeugen, des 15-Jährigen, hatte schließlich nur noch wenig mit dem zu tun, was er der Polizei gesagt hatte."Klaus Esslinger

Und vor Gericht? Da war 21-Jährige derjenige, der mit dem Stock gedroht hatte, betonte der 15-Jährige nun. Es folgten weitere merkwürdige Geschichten. So die, man habe sich verabredet und ein Gespräch mit den Eltern geführt, um die von dem 15-Jährigen und seinem Vater erstattete Anzeige zurückzunehmen. Gesprochen hatten aber nur die Jugendlichen.

Die Aussage des Hauptzeugen, des 15-Jährigen, hatte schließlich nur noch wenig mit dem zu tun, was er der Polizei gesagt hatte. Wie es nun wirklich war, schien nur den beiden Angeklagten klar zu sein, sie sagten es aber nicht. Der 16-Jährige sollte noch ein Gramm Marihuana gekauft haben, das wurde von einem Zeugen bestätigt. Dass der 16-Jährige selber Cannabis verkauft habe, war auch ein Thema, ließ sich aber nicht einmal ansatzweise beweisen.

Kein Wunder, dass die beiden Pflichtverteidiger angesichts der „Märchen“, die erzählt wurden, nur noch Freispruch beantragen konnten. Damit waren der Staatsanwalt und die Jugendrichterin nicht einverstanden und waren sich im Fazit so gut wie einig. Der 16-Jährige muss die Sozialstunden, die er schon ableistet, weitermachen, 40 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten und den Ertrag daraus an das 15-jährige Opfer zahlen. Der keine „Hilfe leistende“ 21-Jährige muss 600 Euro in die Staatskasse zahlen.


Zur Person:

  • Klaus Esslinger ist Gerichtsreporter und war viele Jahre Lokalchef der Oldenburgischen Volkszeitung.
  • Kontakt zum Autor per Mail an: redaktion@om-medien.de.

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