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Bürgermeister wird zum Geburtshelfer

Hebamme Irina Saulski eröffnet ihre eigene Praxis in Essen. Der Traditionsberuf findet immer weniger Zulauf.

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So wird's gemacht: Irina Saulski zeigt Eltern mit einer Puppe, wie sie ihr Baby richtig versorgen. Auch die Massage gehört dazu. Foto: Georg Meyer

So wird's gemacht: Irina Saulski zeigt Eltern mit einer Puppe, wie sie ihr Baby richtig versorgen. Auch die Massage gehört dazu. Foto: Georg Meyer

Dass sie einmal Hebamme werden würde, habe für sie schon früh festgestanden, sagt Irina Saulski. „Der Beruf hat mich immer fasziniert“.  Am Wilhelmshof   hat die Essenerin jetzt ihre eigene Praxis eröffnet. Sie bietet dort nach den Herbstferien   zahlreiche Kurse für Schwangere und junge Mütter an.

Nach der Schule absolvierte Irina, die 1997 mit ihren Eltern aus Omsk nach Essen gezogen war, zunächst eine Ausbildung zur Krankenschwester. „Ich wollte eine gute medizinische Grundlage haben“. Dann bewarb sie sich für die Hebammenschule am Klinikum Bremerhaven. Sie wurde genommen und durfte endlich ihren Traumberuf erlernen. Drei Jahre dauerte die Ausbildung. Zwischendurch bekam sie selbst Kinder, zog mit ihrer Familie zurück nach Essen und machte sich auf die Suche nach geeigneten Praxisräumen.

"Er hat mich zwei Tage später angerufen und mir seine Hilfe angeboten.“Heiner Kreßmann

Doch die waren gar nicht so leicht zu finden. Irina hatte aber Glück. Bürgermeister Heiner Kreßmann stand zufällig daneben, als die junge Hebamme beim Bauamt ihre Anfrage stellte. "Er hat mich zwei Tage später angerufen und mir seine Hilfe angeboten." Im April schließlich wurde Kreßmann fündig. Im Wilhelmshof, in dem unter anderem ein Therapiezentrum und ein Kinderarzt untergebracht sind, war etwas frei geworden. Für Irina Saulski wurde ein weiterer Traum war. „Und für die Gemeinde erst recht“, fügt Hildegard Middendorf hinzu. Die Gleichstellungsbeauftragte hat Saulski in den vergangenen Wochen auf ihrem Weg in die Selbstständigkeit begleitet und freut sich darüber, dass Schwangere in Essen jetzt ein Angebot direkt vor Ort haben .

Denn die Zahl der Hebammen geht bundesweit seit Jahren zurück. Zugleich schwinden die Ausbildungsmöglichkeiten. Das Klinikum in Bremerhaven, an dem Saulski ihren Beruf erlernte, wird die Hebammenschule voraussichtlich 2022 schließen.   Eigentlich hätte sie schon in diesem Sommer dicht machen sollen - wegen der Versorgungslücken kam es jedoch zu einer Verlängerung.

Irina Saulski bedauert die Entwicklung. Neben der niedrigen Bezahlung macht sie dafür den wachsenden Arbeitsdruck in den Kliniken verantwortlich. Auch Hildegard Middendorf findet, dass die Geburtshilfe sträflich vernachlässigt wird. Sie kritisiert die Schließung von Stationen in vielen Krankenhäusern. Frauen seien genötigt, weite Strecken zurückzulegen, um ihre Kinder zu bekommen.

Entbindungen sind in der Praxis nicht möglich

Entbindungen darf Irina Saulski in ihrer Praxis nicht vornehmen. Ihr Angebot erschöpft sich aber keineswegs auf Schwangerschaftsgymnastik und Rückbildung. Auch der richtige Umgang mit Säuglingen kann bei ihr gelernt werden. Hinzu kommen Still- und Ernährungsberatungen sowie die Betreuung im Wochenbett. Die Liste ist lang und dürfte noch länger werden. Ideen habe sie genug, sagt die Hebamme. Auch ihr Ehemann, ein Notfallsanitäter, macht mit. „Er zeigt den werdenden Eltern, was sie tun müssen, wenn dem Baby plötzlich etwas zustößt.“ Ihre Teilzeitstelle im Cloppenburger Krankenhaus möchte Irina behalten, um weiterhin auch praktische Geburtshilfe zu leisten. „Das ist wichtig, weil es auf diesem Gebiet immer wieder Neuerungen gibt.“

Die Essenerin liebt ihren Beruf. „Er ist vielseitig und abwechslungsreich. Vor allem habe ich mit Menschen zu tun.“ Dazu gehören auch die Frauen aus dem örtlichen Flüchtlingswohnheim. Saulski schaut regelmäßig bei ihnen vorbei. Die Verständigung klappt - „zur Not mit Händen und Füßen“, sagt sie lachend. Weil sie Russisch spricht, gibt es auch mit den immer zahlreicher werdenden Neubürgerinnen aus Osteuropa kaum Sprachprobleme.

Am 26. Oktober legt die Praxis mit drei Kursen los. Die Anmeldungen laufen gut, berichtet Irina. Die Teilnehmerinnen kämen aus Essen und den umliegenden Gemeinden. Mit Geburtswehen muss die Jungunternehmerin kaum rechnen. Der Bedarf ist da - und daran dürfte sich angesichts des Zuzugs junger Familien so schnell nichts ändern. „Ich bin glücklich“, sagt Irina und strahlt. Man sieht es ihr an.

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