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Bunte Bilder und zerplatzte Träume

Kolumne: Batke dichtet – Es liegt ein wenig Olympia-Duft in der Luft. Und vermutlich bin ich nicht der Einzige, der beim bunten und mitunter spektakulären Treiben den Blick 50 Jahre zurück richtet ...

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Es fühlt sich ein bisschen wie Olympia an. Gehören Sie auch zu denen, die den Fernseher in diesen Tagen etwas länger laufen lassen als üblich? Weil sich da jemand halsbrecherisch an einer Münchener Kletterwand versucht – und nein, es sind nicht die "Bergretter" aus der gleichnamigen ZDF-Serie, sondern Athleten der European Championships 2022, die an diesem Wochenende am Fuße der Alpen zu Ende gehen. Europameisterschaften als All-Inclusive-Angebot, das Klettern ist da nur ein exotischer Farbtupfer, olympische Kernsportarten wie die Leichtathletik oder Radfahren drinnen wie draußen halten uns zur besten TV-Sendezeit in Atem.

Vermutlich bin ich nicht der Einzige, der beim bunten, unterhaltsamen und mitunter spektakulären Treiben den Blick 50 Jahre zurück richtet und Olympia 1972 vor Augen hat. Ich war 16 damals, sportbegeistert bis unter die Haarwurzeln und erinnere mich an so manchen Kampf um die Hoheit am Programmknopf des Fernsehers, denn meinen Enthusiasmus im Hinblick auf Olympia teilten meine Eltern und die fünf Geschwister nicht vorbehaltlos. Wenn ich mich nicht durchsetzen konnte, ging es zu einem Freund, der schon über einen eigenen kleinen tragbaren Röhrenfernseher von Nordmende verfügte.

Es fällt schwer, sich an jedes Detail oder an jede Stufe der Befindlichkeit in jenen Tagen zu erinnern. Aber bestimmte Momente haben sich eingebrannt, wie etwa der atemberaubende Zweikampf der Speerwerfer Klaus Wolfermann und Janis Lusis. Der Franke Wolfermann (90,48 Meter) hatte am Ende gegenüber dem für das Team der UdSSR startenden Letten Lusis um 2 Zentimeter die Nase vorn. Dass es in Zeiten des Kalten Krieges anschließend zu einer herzlichen Umarmung zwischen den beiden Rivalen, die im späteren Leben eine echte Freundschaft verband, kam, ist eines der für mich unauslöschlichen Bilder, deren Bedeutung ich auch als 16-Jähriger begriff.

"Der Sport als friedensstiftende Initiative bleibt eine Illusion, er ist im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang nicht mehr als ein Unterhaltungsprogramm."Alfons Batke

Es waren zunächst heitere Spiele, es waren bunte Spiele, es war eine gelebte Vision. Die Polizisten kamen in blauen Sakkos daher, nur selten waren sie bewaffnet. Die Olympia-Macher wollten ein Gefühl von Freiheit und Offenheit entstehen lassen, das sollte die Kernbotschaft der vergleichsweise jungen Demokratie der Bundesrepublik Deutschland sein. Die Realität war eine andere. Nur wenige Stunden nachdem eine bis dahin weitgehend unbekannte 16-jährige Hochspringerin namens Ulrike Meyfarth 1,92 Meter überflog und 80.000 Menschen im Olympiastadion in einen Goldrausch versetzte, kam der Terror ins olympische Dorf.

Am 5. September, 24 Stunden nach dem Höhenflug des Teenagers aus Köln, hatten 11 Mitglieder der israelischen Mannschaft, ein Münchener Polizist und 5 palästinensische Geiselnehmer ihr Leben verloren. Es bleibt die bittere Erkenntnis, dass sich in 5 Jahrzehnten nach dem Olympia-Drama nichts verändert hat – in der Welt nicht, im israelisch-palästinensischen Konflikt erst recht nicht. Darüber können auch die aktuellen fröhlichen Bilder, die uns tagtäglich aus München ins Haus flimmern, nichts ändern. Der Sport als friedensstiftende Initiative bleibt eine Illusion, er ist im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang nicht mehr als ein Unterhaltungsprogramm. Brot und Spiele. Leider.


Zur Person:

  • Alfons Batke blickt auf eine über 40-jährige journalistische Laufbahn zurück.
  • Der 66-Jährige lebt als freier Ruheständler in Lohne.

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