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#Bochum – Der Seifenspender ist leer

Kolumne: Irgendwas mit # – Seit 2008 war ich nicht mehr in Bochum. Dann treffe ich an einem EM-Abend meinen alten Mitbewohner Clemens. Ein Abend zwischen Nostalgie und Veränderung.

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Die gute alte Zeit kommt im Maßanzug. Da steht Clemens. Anthrazitfarbener Zwirn, schwarze Schuhe. Unter dem Sakko ein Deutschlandtrikot. Die Mannschaft wird später gegen Ungarn spielen. Doch jetzt sind nur wir hier, er und ich, und eine unendlich lange Umarmung.

Was hat sich verändert, was ist geblieben? Das werde ich mich fragen, an diesem Abend in Bochum. Wir sitzen im Café Zentral. Der Gastraum schmiegt sich V-förmig an die Theke.  Fischgrätenparkett, Tische aus Vollholz, die Stühle aus grünem Leder. Auf der Theke liegen Zeitungen aus Frankfurt und München.

Es geht hin und her, dann bestelle ich ein Wasser

Ich frage nach der Wasserkarte. Der Kellner gafft mich an. "Das Menü mit dem Wasser", wiederhole ich. Er reagiert nicht. Ich erzähle von der Auswahl an Mineralwasser, die es hier einst gab. Mehr als 25 Sorten. "Nur San Pelegrino", murmelt er. Der Chef schaltet sich ein: "Wasserkarte?", fragt er. "Lange nicht mehr hier gewesen", stellt er fest. "15 Jahre". 13, korrigiere ich. 15, insistiert er. Das Café sei zweimal pleite gegangen, der Besitzer habe gewechselt. Die Zeitung sei noch da, sage ich. Die Kunden auch, entgegnet der Chef. Ich gebe auf und bestelle ein Wasser. Es schmeckt gewöhnlich.

Wie geht es dir, frage ich Clemens. Er spricht von einer "hervorragenden Großwetterlage". Dann kommen Kennzahlen beruflichen Erfolgs. Mitarbeiter, Umsatz. Der kahl geschorene Schädel? "Wenn du sechsstellig verdienen willst, musst du dir den Kopf rasieren", lerne ich.

Von der Frau, von den Kindern höre ich nichts. Erst später, auf Nachfrage. Vorher zeigt mir Clemens sein Büro. Schreibtische, junge Männer in Anzügen, Bier liegt im Kühlschrank. Der Seifenspender auf der Toilette ist leer. 

Die Sache mit den Regenbogenflaggen – Clemens weiß von nichts

Später: Essen, EM-Fußball, Bier. Ich höre von exponentiellem Umsatzwachstum. "Ich bin noch lange nicht am Ende", sagt er. Clemens will Menschen beim Vermögensaufbau helfen. Er braucht mehr Mitarbeiter. Und so weiter.

Ich spreche ihn auf Ungarn an. Die Sache mit den Regenbogenflaggen am Münchner Stadion. Er weiß nicht, wovon ich spreche. Ich hake nach. Er schüttelt den Kopf.

Zeit, die pareto-optimiert ist

"Ich konsumiere keine Medien", sagt Clemens. Warum?, frage ich. Er darf sich nicht ablenken, sagt er. Seine Zeit sei pareto-optimiert. Trotzdem fallen Namen von Büchern. Erfolgsliteratur von Männern. Anderes liest er nicht, sagt er. Als wir uns kennenlernten, studierte er Germanistik und Theaterwissenschaften.

Der Abend fließt schnell dahin, Deutschland rettet sich mit Ach und Krach ins Achtelfinale. Wir reden über meinen Beruf: Journalismus – und auch wieder nicht. Geschäftsmodelle, Wertschöpfung, Gehalt. Begriffe wie Wahrheit, Recherche, Motivation – sie bleiben ungesagt, ungefragt, ungedacht.

Der Abschied kommt. Eine Umarmung, Grüße werden ausgetauscht. Nicht wieder erst in 4 Jahren, sagen wir uns. Dann verschwindet Clemens in der Nacht. Im Hintergrund brüllt jemand besoffen "Deutschland".


Zur Person:

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