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#Bitter – Was der Massentourismus mit den ostfriesischen Inseln macht

Kolumne: Irgendwas mit # – Der touristische Erfolg der Ostfriesischen Inseln ist so groß, dass er die einst kargen Orte zu Fassadenorten macht, in denen das reale Leben immer weiter abstirbt.

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Schon von Weitem ist das Haus zu sehen, sein Giebel und die Dachgaube überragen den Deich, der die Insel Juist vor Sturmfluten im Wattenmeer schützt.

Als ich ein Kind war, als die Zeit unschuldig und ganze Sommer endlos schienen, da haben wir hier den Urlaub verbracht. In der familiengeführten Pension, benannt nach dem Hof der Eltern des Eigentümers, der auch Betreiber ist. Des Eigentümers, der fremde Menschen in seinem Haus aufnimmt und bewirtet. Selbst bewirtet. Jedes Jahr, jeden Tag in der Zeit von Ostern bis Allerheiligen.

Viele meiner Kindheitserinnerungen kleben an den Wänden dieses Hauses, manches ist bis heute so: Die Tische im Speisesaal sind die gleichen wie vor 30 Jahren, Bad und Toilette gibt es weiterhin nur auf dem Flur. Auch der Teppich ist noch so, wie ich ihn als Kind kannte: dick, robust, braun-grünlich. Hat da jemand einen grünen Faden in das dunkle Garn gemischt? Oder hat der Bodenbelag bloß die Patina der vielen Jahre in sich aufgenommen?

Den Zuschlag bekommt wohl der Meistbietende

Wie dem auch sei: Die Zeit dieser Pension, in der der Chef jeden Abend für seine Gäste kocht, läuft ab. Die Betreiber denken an Ruhestand. Sie werden das Haus verkaufen müssen, es ist ihre Altersvorsorge.

Verkauft werden dürfte es wohl an den Meistbietenden. Dann kommen Bagger, reißen das 100 Jahre alte Gebäude ab, um Platz zu machen für Ferienwohnungen. So läuft das hier an der Nordseeküste.

Aus "Haus Erika" wird "Ankerglück"

Wahrscheinlich werden die Apartments dann einen kitschigen Namen tragen, wie es seit einigen Jahren Usus geworden ist an der Küste. Die Geschäfte und Gästehäuser heißen jetzt nicht mehr "Buchhandlung Koch" oder "Haus Erika", sondern: "Ankerglück", "Inselliebe", "Meeresleuchten".

Kein Wunder, sind diese Häuser doch nicht mehr mit einer Person verbunden, die mit ihrer persönlichen Glaubwürdigkeit für das Qualitätsversprechen bürgt. Daher muss der neue Kitschname wohlig-vage Befriedigung versprechen: Glück, Liebe und so weiter...

Seit Jahren kaufen wohlhabende Investoren die Grundstücke auf den Ostfriesischen Inseln auf. Juist, Spiekeroog, Baltrum, Wangerooge – die Geschichten ähneln sich sehr. Die Re-Feudalisierung von Grund- und Hausbesitz schreitet voran, auf dem Festland ebenso wie auf den als Anlageobjekt besonders attraktiven Inseln. Nur noch die, die schon was haben, können sich etwas leisten.

Auch ich bin schuld – eine bittere Erkenntnis

Natur, Wetter und Stille zum Trotz verkommen diese Orte zu maritimen Fassadenorten für Erwachsene, ausgerichtet nur auf den Tourismus, der die Inseln zugleich erwürgt. Figuren wie der Juister Wirt, die den Ort auf Jahrzehnte in Vereinen und gesellschaftlichem Leben prägen, sterben aus. An ihre Stelle treten Saisonkräfte.

In den Geschäften auf den Inseln findet sich oft nur Wohlstandsplunder: Pullis mit Inselmotiv, maritimes Porzellan, Dekokram. Wasserkocher, Hammer oder Sieb findet man selten.

So weicht der Nordseeurlaub in meiner Erinnerung dem Leiden daran, dass das Inselleben dem Kommerz weicht. Schuld daran sind die Touristen. Also auch ich. Eine bittere Erkenntnis.


Zur Person:

  • Philipp Ebert ist Reporter der OM-Medien.
  • Den Autor erreichen Sie per E-Mail an redaktion@om-medien.de.

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