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#Biedermeier2.0 – Wenn Nachrichten übermächtig werden

Kolumne: Irgendwas mit # - Wie umgehen mit dem Übel der Welt? Das Christentum bietet Antworten, von denen die säkularisierte Gesellschaft nichts mehr wissen will. Mit welchen Folgen?

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Es soll in dieser Kolumne wirklich nicht um „Die Toten Hosen“ gehen, aber so viel sei gesagt: Ich bin mir nie sicher, ob ich sie für Lieder wie „An Tagen wie diesen“ belächeln soll, weil sie jeglichen politischen Protest für eine Wohlfühlhymne ad acta gelegt haben; oder ob ich anerkennen soll, dass die Musiker in Würde gealtert sind.

„An Tagen wie diesen“ – auch die HipHop-Kombo Fettes Brot hat einen Song so genannt, 2005 war das. Darin verarbeiten die Hamburger den Kontrast von Erster und Dritter Welt; sie thematisieren Gefühle, die uns überkommen bei grausamen Nachrichten von Terroranschlägen, Hungerkatastrophen und Krieg. Nach einer gefühlten Ewigkeit hörte ich das Lied neulich wieder im Radio. In einer Strophe heißt es: „Dieses dumpfe Gefühl, diese Leere im Kopf / Sowas kann uns nie passieren und was wäre wenn doch? / Und mich zerreißen die Fragen, ich kann den Scheiß nicht ertragen / Die haben da nix mehr zu Fressen und ich hab' Steine im Magen!“ Diese Gefühle kennen wir alle. Doch wie umgehen mit dem Übel der Welt?

„Wer ohne religiöses Fundament auf die Übel dieser Welt trifft, ist – so stelle ich mir das vor – irgendwie hilflos.“Philipp Ebert

Gerade unter jungen Menschen begegnet mir immer wieder – vielleicht gar immer häufiger? – ein Abwehrreflex. Man wolle keine Nachrichten mehr verfolgen, heißt es, das deprimiere zu sehr. Sie igeln sich ein, und zwar in der eigenen Wohlfühlwelt. „Ignorance is a bliss“, sagen die Briten gelegentlich und meinen: Manchmal ist es besser, nicht alles zu wissen. Und es stimmt ja: Die Allverfügbarkeit nicht nur von Nachrichten, sondern auch von Bildern rührt uns stark an.

Denken wir etwa an das Bild des im Sommer 2015 ertrunkenen dreijährigen Alan Kurdi – es verdeutlichte die Dramatik des Fluchtgeschehens im Mittelmeer stärker, als es jeder abstrakte Text über ertrinkende Menschen je gekonnt hätte. Dieses Bild war wirklich schwer zu ertragen.

Vielleicht ist das Abkoppeln von der Nachrichtenlage auch eine Folge davon, dass unser Land weniger religiös wird, auch in Südoldenburg. Denn anders als das Christentum bietet die säkularisierte Gesellschaft kaum mehr Trost: Es gibt hier eben kein Versprechen mehr, dass Unheil heil wird, dass Verbrechen gesühnt und tugendhaftes Verhalten belohnt wird.

Für die Kommunisten um Karl Marx war Religion daher „Opium für's Volk“, ein billiges Mittel zur Betäubung weltlichen Schmerzes. Vielleicht stimmt das ja sogar, aber in einem durchaus positiveren Sinne, als Marx es meinte: Heute weiß jeder, dass Schmerzmittel nichts für Schwächlinge sind, sondern in vielen Fällen gebraucht werden auf dem Weg zur Gesundung.

Beispiel: Fürbitten. Auf nicht-religiöse Menschen mag es albern wirken, wenn Christen für Trauernde, Orientierungslose oder Regierende beten. Für Gläubige hingegen ist das Gebet für Leidende eine Handhabe, das eigene Mitleid auch bei weit entfernt gelegenen Katastrophen in Sprache zu gießen und etwas – irgendetwas – zu tun, wo wir eigentlich hilflos erscheinen. Die säkularisierte Gesellschaft ist hier ärmer, ebenso wie bei Beerdigungen und Trauerfeiern – weil der Liberalismus eben keine Rituale stiftet. Wer ohne religiöses Fundament auf die Übel dieser Welt trifft, ist – so stelle ich mir das vor – irgendwie hilflos. Und sucht dann wohl die Flucht in die Isolation. Biedermeier 2.0, sozusagen.


Zur Person:

  • Philipp Ebert ist Volontär der OV.
  • Den Autor erreichen Sie unter info@om-online.de.

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